Bewegte Bilder

Alexander Kluge zu den Heldenbildern von Georg Baselitz

„Kein Mensch will sterben, ohne je gelebt zu haben …“ Inspiriert von Baselitz’ Heldenbildern aus den Jahren 1965/66 hat Alexander Kluge Geschichten verfasst. Wir haben eine Auswahl dieser Erzählungen  den Gemälden filmisch gegenübergestellt. 

 

Ausstellungsansicht von „Georg Baselitz. Die Helden“, © Städel Museum 2016

Ausstellungsansicht von „Georg Baselitz. Die Helden“, © Städel Museum 2016

Meine Geschichten zu den Stichworten „Helden“, „Neuer Typ“, „Falle“, „Fahne“ und „Ohne Titel“ sind keine Bildbeschreibungen. Sie antworten auf den Sog der Bilder, die mich unverwechselbar in ein Gefühl aus den Jahren 1965 und 1966 hineinziehen. Etwa in dieser Zeit habe ich mein Buch über Stalingrad geschrieben. Die „Helden“ bei Baselitz sind ROBUST und sie sind VERLETZLICH. Behängt mit Körpermasse, Tornister, Geschlechtsteilen, Armbinde. Oft zeigen die Hände Stigmata. Mit kleinen Köpfen und großen Augen. Ein Pflug, eine Falle, eine fliehende Eidechse. Ein Rest von Baumbestand aus Bildern Caspar David Friedrichs. Ich denke an den französischen Chasseur, ratlos vor deutschem Wald. Damals war der Baumbestand noch üppiger.

 

Hirten unterwegs

 

„Sterbensstandard“

In den letzten drei Tagen seines Lebens war der Dichter und Bataillonschef August Stramm in Russland, trunken von Adrenalin, an der Spitze seiner Leute marschiert. Der Enthusiasmus des Vormarsches, aus den Karpatenpässen heraus und in die Ebene hinein, das gemeinsame energische Tun, kontaminierte die Geister (= Wetteifer, Tüchtigkeiten). Der Elan, noch 1916, hatte den Lyriker und Kriegskenner (aber mit wieviel Hass hatte er schon dieses Monster besungen!) dazu gebracht, immer unvorsichtiger zu werden. Schon leugnete er den Feind und hielt sich selbst für „schussfest“. Den Tornister trug er vor der Brust als eine Art Schutzwehr. So traf ihn die Maschinengewehrgarbe, abgefeuert aus einem Sumpfgelände, in dem keiner der vordringenden Soldaten einen Gegner vermutet hätte.

Den Transport des Halbtoten, dem aus sieben Wunden das Blut entwich (schon vermischt mit Seim, ähnlich der Eiterflüssigkeit, die aus Blut entsteht, wenn es sich zersetzt), beschrieb Arno Schmidt in einem Text, den er in den siebziger Jahren in einem Anfall von Missmut verbrannte: den hoffnungslosen Weg des expressiven Wörterschmieds auf seiner Bahre. Sie wurde von zweien seiner Kameraden getragen. Wäre der mobile Hauptverbandsplatz, der noch in den Bergen lag, wie am Vorabend befohlen, der Front nachgerückt, hätte ein Militärarzt den Mann, dem die Formulierungen im Kopf erstarrten (aber die Worte „Schmiervogel“, „stracks“ und „dunkelwärts“ suchte er sich noch zu merken), wenigstens in Teilstücken und als Trümmer retten können.

Im frontnahen Hauptverbandsplatz, der zur K.-u.-k.-Etappe gehörte, so Schmidts Bericht, hatten Ärzte, Pflegepersonal und Transporteure am Vorabend kameradschaftlich gebechert, sodass ein früher Aufbruch am Morgen des Kampftages nicht in Betracht kam. Aus diesem Zögern heraus und nicht aus den Verletzungen folgte Stramms Tod. Die kooperative Spiritualität, die ihn in seinen letzten Tagen hingerissen hatte, war ihm aus den schussbegründeten Öffnungen in seiner Haut davongeströmt, DESERTEURE DER LEBENSKRAFT.

 

Stigma an Händen, Bauch, Armbeuge und am Rücken

 

Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist Jurist, Filmemacher und Schriftsteller. Das Thema Krieg hat er immer wieder in seinen Filmen und Büchern verarbeitet. Alle 15 Geschichten, die Kluge zu den Bildern von Georg Baselitz verfasst hat, sind im Ausstellungskatalog zu “Georg Baselitz. Die Helden” erschienen.

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