Schon zu Lebzeiten rankten sich wilde Geschichten um Füssli: Er fluche unverständlich mit Schweizer Akzent und verderbe die Moral mit seinem ominösen Okkultismus. Vor dem Schlafengehen äße er blutiges Schweinefleisch und oft konsumiere er Opium, um seine düsteren Visionen heraufzubeschwören.

Johann Heinrich Füssli (1741–1825), Der Nachtmahr, 1790/91, Öl auf Leinwand, 76,5 × 63,6 cm, Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift, © Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift

Diese Gerüchte passen zur Malerei des temperamentvollen und hochgebildeten Schweizers, der die englische „Gothic“-Bewegung um seine fantastischen Bilderfindungen zu den großen Erzählungen von Dante, John Milton, William Shakespeare und zum Nibelungenlied bereicherte. „The Wild Swiss“, wie Füssli in England genannt wurde, scherte sich nicht um Konventionen. Denn die Empfindung des Erhabenen, also das lustvolle Schauen und innere Erschüttern, suchte er mit allen Mitteln zu erreichen. Zugunsten überwältigender Effekte und zugespitzter Dramatik wurden klassische Bildtraditionen und Darstellungsmodi geopfert. Gerade an seinem berühmtesten Bild „Der Nachtmahr“ von 1790 – unser Bild des Monats Oktober – zeigt sich sein eigenständiger Weg: Entgegen der klassischen Auffassung des Historienbildes entspringt das Bildthema allein der Fantasie des Malers.

Füssli zeigt uns weder einen Albtraum noch die reale Wirklichkeit eines Schlafzimmers. Stattdessen zeigt er uns das, was auf der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit sitzt und sich unserer Seele bemächtigen will. Es sind jene Wesen, die sich der direkten Wahrnehmung des Menschen entziehen, die aber auf die Befindlichkeit und den menschlichen Körper einwirken. Uns durchfährt ein eisiger Schauer ob der grauenhaften Vorstellung selbst des Nachts von diesen Wesen heimgesucht zu werden: Denn hämisch grinsend hockt ein nächtlicher Dämon – der Alb oder Incubus – mit seinem ganzen Gewicht in der Magenkuhle der schlafenden Frau. Ergeben hängt sie kopfüber auf der Bettkante, die durchwühlte Decke zeugt von ihrem vergeblichen Kampf gegen das Grauen, welches nun vor ihrem inneren Auge abläuft. Der Alb, der sie „besitzt“, bringt Träume schrecklichster Art. Schrecklich? Eher wirkt es, als genieße sie. Sanft streicht ihr Arm über den Boden und sie reckt sich der Last entgegen, die sie doch quälen sollte. Lust und Leiden liegen hier dicht beieinander. Dazu passt auch der Volksmund, der sagt, der Incubus bringe Lustträume. Getragen würde er von einem Pferd, welches im Bild durch den Vorhang des zeitgenössischen Schlafzimmers blickt – mit geblendeten Augen, wie besessen. Fast hört man das schrille Wiehern des lüsternen Tieres, dessen Mähne in einem gespenstischen Wind weht. Durch diesen voyeuristischen Moment verliert die düstere Szene ihre Intimität und bekommt stattdessen einen Bühnencharakter. Doch nicht nur das Pferd ergötzt sich an dem Horror der Leichtbekleideten. Auch wir, die Betrachter, erblicken das offen Dargebotene und auch unser Blick wandert über ihren Körper. Somit werden wir Teil des fiesen Spiels, welches die Teuflischen mit ihrem Opfer treiben.

Die erste Version dieser Szene des Aberglaubens im Ambiente des ausgehenden 18. Jahrhunderts befindet sich heute im Institute of Arts in Detroit und wurde von Füssli bereits 1781 gemalt. Die Komposition ist im Querformat noch weitläufiger, die Farbgebung natürlicher. Zehn Jahre später entstand die in der Ausstellung „Schwarze Romantik“ gezeigte Version des Frankfurter Goethe-Hauses. Die zentrale Dreieckskomposition im komprimierten Hochformat intensiviert den Beziehungsrahmen zwischen Pferd, Dämon und Mädchen. Durch die zurückgenommene Farbgebung wird die Szene in ein gespenstisches Licht getaucht und der Hell-Dunkel-Kontrast zwischen dem Fell des Dämons und dem bleichen Inkarnat des Mädchens betont Gut und Böse. Die Gewandfalten, die Locken und die gestreckten, fließenden Gliedmaße sind Füsslis Stil unterworfen. Dabei ist die menschliche Figur nicht naturgetreues Abbild, sondern Träger von Empfindung, die durch gestischen Ausdruck in die Komposition fließt. Effektvoll gesteigert ist der dramatische Moment eingefangen.

Johann Heinrich Füssli (1741–1825), Der Nachtmahr, 1781, Detroit Institute of Arts

Bei der Präsentation in der Royal Academy im Jahr 1782 gelang Füssli der erwünschte Skandal. Obwohl die Jahresausstellung der Akademie für ihr erotisches Flair bekannt war, sprengte die Mischung aus Gewalt und Sinnlichkeit den üblichen Rahmen. Empfindlichen Gemütern wurde abgeraten, das schaurige Bild zu betrachten. Füssli wollte nach einem achtjährigen Studium in Rom, bei dem er sich hauptsächlich mit der Bildwelt Michelangelos auseinandersetzte, in London als Maler berühmt werden. Auch wenn der große Erfolg ausblieb, so zeugen doch die Gerüchte und der Spitzname „The Wild Swiss“ des späteren Professors und Keepers der Royal Academy von der Faszination, die von dem schillernden Wahl-Engländer ausging.

James Whale (1889–1957), Frankenstein, USA 1931, Filmstill © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Vielerorts begegnet uns heute die Ikonografie des Schauerbildes „Der Nachtmahr“. Ob in den Filmen „Frankenstein“ oder „Vampyr“ – stets  erkennen wir den gruseligen Moment wieder. Doch wo Johann Heinrich Füssli seine Bildidee fand, konnte bis heute nicht geklärt werden. Gut möglich, dass sie ihm in einem schaurigen Traum erschien.