Unser Werk des Monats: Joseph Anton Koch (1768–1839); Landschaft mit dem Raub des Hylas, 1832; Öl auf Leinwand, 76 x 104 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main – ARTOTHEK

An der Küste einer südlichen Landschaft ankert ein Schiff unweit einer Gruppe bildschöner, unbekleideter Mädchen. Es ist nur ein Zwischenstopp, denn die Fahrt der Seemänner soll weiter gehen. Einer der Männer des Schiffes wird jedoch nicht mehr wiederkehren, und dies unfreiwillig – beim Anblick der Ursache unvorstellbar, aber mythologisch wahr.

Tapfere Argonauten und triebhafte Nymphen

Die dargestellte mythische Szene spielt sich in Mysien ab, einer historischen Region im antiken Kleinasien. Wie so viele seiner Zeitgenossen verbrachte auch der aus Tirol stammende Maler Joseph Anton Koch (1768–1839) mehrere Jahre in Italien und platzierte die antike Sage in seinem Gemälde in eine Latium-Landschaft, genauer gesagt: in das Tal der Nymphe Egeria bei Rom. Dort, in einer weiten, von Felsen gerahmten Bucht legt nun die Argo an, ein mit fünfzig Mann besetztes, sagenhaft schnelles Schiff. Die Mission: der Raub des „Goldenen Vlies“, das Fell eines Widders, der fliegen und sprechen konnte. Wie das zu erobernde „Vlies“ war auch die Argo ein Wunderding: Das Schiff des griechischen Sagenhelden Jason konnte ebenfalls sprechen und die Mannschaft vor herannahenden Gefahren warnen. Dies galt zwar für Gefahren auf See, nicht aber für solche in kleineren Gewässern.

Vor triebhaften Quellnymphen sind auch heldenhafte Argonauten nicht gefeit. Genau diese Szene der Sage greift Koch in seinem Gemälde auf: Während sich Herakles im kühlen Schatten eines Baumes ausruht, begibt sich sein Freund und Waffenträger Hylas zu einer nahegelegenen Quelle, um Wasser zu schöpfen. Fünf unbekleidete, mannstolle Nymphen überwältigen ihn dabei und auch Eros steht schon mit Pfeil und Bogen nebst seiner Leidenschaft entzündenden Fackel bereit, um Hylas’ Schicksal zu besiegeln. Den Hilferuf seines entführten Freundes bemerkt Herakles nicht und so geht die Fahrt der Seegefährten ohne ihn weiter. Von Hylas heißt es, er habe die Nymphe, die zum Raub angestiftet hatte, später geheiratet. Gesichtet wurde er nie mehr.

Detail des Gemäldes “Landschaft mit dem Raub des Hylas durch die Nymphen”: Wenn man seinen Freund mal dringend braucht, schläft er: Der Argonaut Herakles, zweifach beschattet vom Blätterdach und einer Baumnymphe.

Künstlerische Idee geht vor Realität

So reizvoll der kleine Nymphenreigen im Vordergrund des Gemäldes ist, so macht dieser kaum ein Drittel des Bildes aus. Bilddominierend in dem Werk des als Landschaftsmaler bekannten Koch ist die umgebende Natur in sattem Grün und zartem Azurblau mit ihren mächtigen Bäumen und der weiten Meeresbucht. Für den Wahlitaliener bleibt die Personengruppe als Bildelement dennoch unverzichtbar: „Ohne Menschengestalten kann keine Landschaft idealen Charakter bekommen […]. Ohne Idee ist mir die Kunst nichts Sonderliches, bloße Nachahmung der Natur gibt mir noch kein Kunstwerk.“ Hieran wird  Kochs künstlerisches Selbstverständnis als Klassizist deutlich, der im Kunstwerk die Idee über die vorgefundene Realität stellt, welche durch das Zutun des Künstlers zu vervollkommnen ist. Was eignet sich dafür besser als eine Geschichte aus der antiken griechischen Mythologie, die einer Zeit entstammt, die für den Klassizismus als vorbildlich galt? Die klassische Antike war damals das Maß aller Dinge und man war der Auffassung, dass das Altertum noch eine unversehrte Einheit von Mensch und Natur kannte. Diese Vorstellung findet sich auch im Thema und in der Umsetzung im Gemälde wieder: Hylas’ Entführung wird nicht als gewalttätige Szene dargestellt, sondern verbildlicht das klassizistische Ideal der Vereinigung von Mensch und Gott bzw. Natur, als deren Personifikation die Quellnymphen auftreten.

Detail des Gemäldes “Landschaft mit dem Raub des Hylas durch die Nymphen”: Klassizistisches Ideal: Die Vereinigung von Mensch und Natur personifiziert durch Hylas und die Quellnymphen.

Ein Spätwerk des Klassizismus

Dieses Ideal einer einträchtigen Harmonie verbindet sich in Kochs Landschaft zu einem Idyll, wie es typisch für den deutschen Klassizismus ist: weniger streng und erhaben als man es aus Frankreich kennt. Koch gilt als Hauptvertreter der idealisierenden Landschaftsdarstellung und tritt mit seinem Werk den Beweis an, dass die Übergänge zwischen Klassizismus und Romantik fließender sind, als sie auf den ersten Blick scheinen. Zeitlich hat er die eigentliche Phase des Klassizismus mit diesem Spätwerk aus dem Jahr 1832 ohnehin längst überschritten. Seine lyrische Landschaftsauffassung ist durch und durch romantisch. Doch: noch überzeugend klassizistisch zeigt sich der Künstler in seinem Bemühen um eine klare Formensprache. Es drückt sich nicht zuletzt im Vorherrschen der Linie aus, durch die jeder Bildgegenstand – ob Fels, Zweig oder einzelner Finger – eindeutig konturiert ist.