Unser Bild des Monats im Mai, ausgewählt von Erwin Wurm: Jan Vermeer van Delft (1632-1675); Der Geograph, 1669; Öl auf Leinwand, 51,6 x 45,4 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum - ARTOTHEK

Unser Bild des Monats im Mai, ausgewählt von Erwin Wurm: Jan Vermeer van Delft (1632-1675); Der Geograph, 1669; Öl auf Leinwand, 51,6 x 45,4 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Es gibt im Städel viele herausragende Werke, sodass es mir schwerfällt, mich jetzt nur auf eines zu fokussieren und dieses hervorzuheben. Aber das Gemälde „Der Geograph“ von Jan Vermeer ist einfach toll, es ist großartig. Ich habe einen besonderen Bezug zu Vermeer, in Wien gibt es mit der „Malkunst“ im Kunsthistorischen Museum ein weiteres tolles Werk von ihm. In seiner gesamten Schaffenszeit hat er nur 28, oder vielleicht auch 32 Werke geschaffen, auf alle Fälle nur sehr wenige. Und eigentlich sind es alles Werke, die ganz wenig Inhalt haben, in denen fast nichts passiert. Es geht um die Stille und um das Licht, um Farben und Lichttupfer. Ich habe mal in einer Untersuchung gelesen, in der spekuliert wird, dass Vermeer kurzsichtig war und deswegen alles in Lichtpunkte aufgelöst hat. Eine faszinierende Herleitung.

Alte Bekannte

Schon bevor ich heute ins Städel kam und mir das Werk noch einmal im Original angeschaut habe, kannte ich den „Geograph“. Wenn man Vermeer liebt, wie ich es tue, kennt man einfach alle seine Werke. Dennoch bin ich immer wieder erstaunt, welche Arbeit letztendlich wo hängt. Mir geht es bei der Betrachtung des Werks wie mit einem alten Bekannten, den man unerwartet wiedertrifft und sich dann freut, ihn wiederzusehen. Obwohl das ja eigentlich auch nicht bei allen alten Bekannten so ist – wurscht. Ob in London oder New York, plötzlich taucht ein Vermeer auf. Aber ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, dass sich dieser hier im Städel befindet, umso größer war die Überraschung.

Das Detail und das Ganze

Mir kommt es so vor, als ob Vermeer ein extrem sturer Mensch gewesen sein muss. Einer, der sich in Details verloren hat. Und wo dennoch das Detail mit dem Ganzen korreliert. Das Detail ist nicht wichtiger als das Ganze, das Ganze ist nicht wichtiger als das Detail. Ich sehe das gesamte Bild und bin fasziniert, aber wenn ich ganz nah herangehe, sehe ich immer noch sehr viel. Bei anderen Künstlern sieht man dann oft nur noch Pinselstriche und -tupfer, aber bei ihm gibt es diese faszinierenden Lichtpunkte, die so einzigartig sind.

Details aus dem Werk "Der Geograph"

Detail aus dem Werk “Der Geograph”, Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Werke ohne Titel

Ob das Bild jetzt „Der Geograph“ heißt oder nicht, ist zweitrangig. Die Titel wurden den Werken erst im Nachhinein gegeben aufgrund von Erkennungsmerkmalen. So heißen sie nun „Das Mädchen mit den Perlenohrringen” oder „Dienstmagd mit Milchkrug“. Aber eigentlich hatten diese Werke alle keine Titel.

Parallelen zur Gegenwartskunst

Gegenwartskunst und alte Kunst haben starke Bezüge zueinander, die Werke bereichern und bedingen sich, unter Umständen unterstützen sie sich auch gegenseitig. Das finde ich spannend. Die alte Kunst entstand jedoch aus einer völlig anderen sozialen und politischen Position heraus als heute die Gegenwartskunst. Es gibt zwei Möglichkeiten sich dieser Kunst zu nähern: entweder historisch oder rein ästhetisch. Beide Herangehensweisen sind möglich und mit beiden kann man Parallelen zur Gegenwartskunst herstellen, das finde ich extrem bereichernd. Ich habe eine intensive Beziehung zur klassischen Kunst, aber nicht nur. Jede Kunst kann Qualität haben, es gibt tolle Kunst aus allen Zeiten und Gegenden. Dabei ist es egal, ob die Werke aus China stammen oder ob es Schnitzereien von den Osterinseln sind.