Ungebrochene Begeisterung: Besucher in der Monet-Ausstellung. Foto: Städel Museum

Die Besucherzahlen der Sonderausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ versprechen dem Städel Museum im Jahr seines 200-jährigen Jubiläums einen absoluten Besucherrekord. Bislang haben bereits über 350.000 Menschen die Ausstellung gesehen – und die Begeisterung hält an. Auch aus diesem Grund wurde die Laufzeit um eine Woche bis zum 28. Juni verlängert und die Öffnungszeiten erweitert. Die Gründe für die Beliebtheit des Impressionismus sind so zahlreich wie individuell – doch vermutlich sind drei Aspekte zentral.

I. Irritation der Wahrnehmung

Wer nah an ein impressionistisches Gemälde herantritt, sieht nur bunte Flecken. Erst die richtige Distanz zum Bild lässt das faszinierende Zusammenspiel der Farben zum Vorschein treten – denn: Nicht die feinsäuberliche Abbildung der vermeintlichen Realität ist Gegenstand der impressionistischen Malerei, sondern die Wahrnehmung selbst. Die Bilder regen zu einer Reflexion über das eigene Sehen an. Wie wenig den eigenen Augen zu trauen ist – zumal bei Bildern von Fotoapparaten und Videokameras –, ist bis heute ein wiederkehrendes Thema: Im Februar dieses Jahres sorgte etwa die Abbildung eines Kleides in den sozialen Netzwerken für eine hitzige Debatte, weil seine Farben je nach Lichtquelle anders erschienen. „Ist es jetzt blau-schwarz oder weiß-golden?“, war die große Frage, die unter dem Hashtag #thedress ausführlich und überaus kontrovers diskutiert wurde. Dieses Phänomen – die sich verändernde Erscheinung eines Gegenstandes bei unterschiedlichen äußeren Bedingungen – untersuchte der Maler Claude Monet bereits vor weit über hundert Jahren und besonders intensiv zwischen 1893 und 1894, in seiner Serie der Kathedrale von Rouen. In der Ausstellung im Städel könnt Ihr drei Werke dieser Werkgruppe im Original sehen.

Phänomen Seherfahrung: Claude Monet (1840–1926); Die Kathedrale von Rouen: Das Portal, Morgenstimmung; 1893-1894; Öl auf Leinwand, 110 x 73 cm; Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler; Foto: Robert Bayer, Basel

In den insgesamt 30 Gemälden, die Monet in einem Zimmer gegenüber der Kathedrale malte, gibt er die Fassade in unterschiedlichen Zuständen wieder. Hinter einem dicken Nebelschleier erscheint die Fassade einmal flach und rosa-blau; bei starkem seitlichen Sonnenlicht wirkt sie hingegen sandfarben mit tiefen architektonischen Rücksprüngen und im Zwielicht der Morgendämmerung muten die Spitzen des Turms weiß-golden, die untere Fassade aber schwarz-blau an. Anders als die Fotografie des in den Social Media jüngst diskutierten Kleides geht es Monet allerdings nicht um den dargestellten Gegenstand, sondern allein um die verschiedenen „Filter“, die sich über ihn legen und die Wahrnehmung verändern. Monet überarbeitete die 30 Bilder später nachträglich im Atelier, damit sie als Gruppe eine harmonische Wirkung entfalten.

II. Der Inbegriff der Moderne

Wenn es nicht mehr um das Motiv, sondern um seine Wahrnehmung geht, lösen sich Farbe und Textur von ihrer repräsentativen Abbildungsfunktion. Letztlich gilt der Impressionismus deshalb als Ausgangspunkt der modernen Malerei. Der hartnäckige Mythos, dass der Begriff „Impressionismus“ zunächst als Schimpfwort galt, hat sich als Gründungsgeschichte durchgesetzt und trägt weiterhin zur Popularität des Stils bei. Die in diesem Zusammenhang für gewöhnlich zitierte Quelle des Autors Louis Leroy ist allerdings ein komödiantisches Stück in einer Satirezeitschrift, das man vielleicht ein bisschen zu ernst genommen hat. Und auch die vermeintlich bösartigen Karikaturen haben eher zur Etablierung der Kunstrichtung beigetragen, wie Chams Darstellung einer schwangeren Frau, die vor dem Eintritt in eine Impressionisten-Ausstellung gewarnt wird: „Madame! Cela ne serait pas prudent. Retirez-vous!“ (was sich auf Deutsch etwa mit „Madame! Es ist nicht ratsam, einzutreten“ übersetzen ließe).

Zurückbleiben! Amédée Charles Henri de Noé, Künstlername Cham (1819-1879), Madame! Cela ne serait pas prudent. Retirez-vous!, 187; erschienen in: Le Charivari, 16. April 1877; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK; © Städel Museum, Frankfurt am Main

Im Subtext karikiert der Zeichner die feine Dame, deren zartes Gemüt keine künstlerischen Neuerungen erträgt, und den besorgten Wachmann, der in den impressionistischen Kunstwerken eine Bedrohung sieht. Die ständige Wiederholung der künstlerischen Neuerung und die Skandalisierung der Bildmittel im populären Genre der Satire konnten letztlich zu ihrer breiten Akzeptanz beitragen.

III. Zuflucht in die einnehmende Impression

Doch der naheliegendste Grund für die anhaltende Popularität des Impressionismus ist sicher die einnehmende Stimmung der Bilder: Spielende Kinder auf sonnengeflecktem Rasen, das geschäftige Treiben auf Pariser Boulevards, die vielen pastellenen Farben: Rosa, Blau und Violett, die eigensinnig auf der Leinwand stehen. Alles Böse scheint vergessen – und tatsächlich sind die Gemälde kleine atmosphärische Kapseln, die als Zufluchtsorte verstanden werden können. Denn die Zeiten waren keinesfalls stabil: Der lockere Pinselstrich täuscht fast darüber hinweg, dass Frankreich den Deutsch-Französischen-Krieg 1871 verlor und im Anschluss der Aufstand der sozialistischen Kommunarden in Paris niedergeschlagen wurde. Danach ächzte der französische Staat unter den Anstrengungen des Wiederaufbaus und der Reparationszahlungen.

Unbeschwerte Heiterkeit: Claude Monet (1840-1926), Das Hôtel des Roches Noires in Trouville, 1870, Öl auf Leinwand, 81 x 58 cm; Musée d`Orsay, Paris; Foto: bpk | RMN – Grand Palais | Hervé Lewandowski, © Musée d`Orsay, Paris, donation de Jacques Laroche, 1947

In der impressionistischen Bildwelt spielen die politischen Ereignisse kaum eine Rolle. Ihr Optimismus scheint ungebremst: Das sommerliche Picknick auf der Wiese, Flanieren auf dem Boulevard und alltägliche Szenen wie das Einfahren eines Zuges nehmen kaum Bezug auf die Turbulenzen um 1870. Die Motive sind einer modernen Gesellschaft entnommen, die wir heute noch verstehen können: Kein religiöses oder mythologisches Vorwissen ist nötig, um ein Gemälde wie “Das Hôtel des Roches Noires in Trouville” von Claude Monet aus dem Jahr 1870 zu entschlüsseln. Es erschließt sich uns direkt. Die warme Seeluft umweht die hellgekleideten Gäste des Hotels am Ärmelkanal, die sich auf der Terrasse zeigen. Urlaub, Freizeit, Sommertage – wer möchte nicht für wenige flimmernde Augenblicke in unbeschwerter Heiterkeit schweben?