Unser Buch des Monats im Februar: Frauen, die lesen, sind gefährlich

Unser Buch des Monats im Februar: Frauen, die lesen, sind gefährlich

Lesewut

Lesende Frauen erregten mit zunehmender Alphabetisierung und in Zeiten des endlich auch privat zugänglichen Buches ab dem 15. Jahrhundert umgehend Misstrauen, der Verfall von Sitte und Ordnung wurde befürchtet. Frauen sollten sich nicht in literarische Welten vertiefen und sich schon gar nicht mit Wissenschaft und philosophischem oder gar politischem Gedankengut auseinandersetzen, sondern sich auf das Häusliche konzentrieren. Doch aufzuhalten war die Lesewut der Damen natürlich nicht. Zum Glück!

In den Augen des Künstlers

Das stille Lesen, wie es auf den meisten der im Band abgebildeten Werke zu sehen ist, bedeutet eine Intimität, die Neugier weckt. Genau dies fangen die Künstler ein. Die Faszination, die von den Modellen ausgeht, wird für den Betrachter und Leser spür- und nachvollziehbar. Mehr als einmal während der Lektüre wollte ich sofort einen ebensolchen Leseplatz aufsuchen, wollte wissen, worin die Leserin vertieft ist, was sie bewegt, was sie denkt. So beneide ich „Die Frau des Malers im Garten in Skagen“ in dem 1893 entstandenen Gemälde des norwegisch-dänischen Malers Peter Severin Krøyer (1851–1909) um ihre Zeitungslektüre im frühsommerlichen Halbschatten, ganz entspannt, so ruhig ist es, dass der Hund neben ihr tief schläft. Und das Gemälde des französischen Künstlers Jean-Honoré Fragonard (1732–1806) zeigt ein „Lesendes Mädchen“, das in wunderschönem Kleid, bequem mit dickem Kissen im Rücken dasitzt und mit leicht geröteten Wangen (vor Aufregung?) auf das Buch blickt, sodass mir sofort einige Lese-Erlebnisse einfallen, die mich genauso fesselten.

Hilfreiche Erläuterungen

Stefan Bollmann regt an, dem Blick des Künstlers zu folgen, er stellt Zeitgeist und Leseverhalten verschiedener Epochen kurzweilig dar. Die vielen Abbildungen vom Portinari-Altarbild bis zur lesenden Marilyn Monroe machen den schmalen Band zu einem Bilderbuch für Erwachsene, in dem es viel zu entdecken gibt. Und es wird deutlich, wieviel Vergnügen und Bedeutsamkeit im Lesen von Büchern steckt, ob nun für begnadete, verzauberte, selbstbewusste, empfindsame, passionierte oder einsame Leserinnen (so die Kategorisierung der einzelnen Kapitel).

Seit Erscheinen des Bildbandes im Jahr 2005 ist dieses Buch ein beliebtes Geschenk, häufig auch einer Käuferin an sich selbst. Nun ermöglicht die – selbstverständlich im Städel-Shop erhältliche – Taschenbuchausgabe, auch unterwegs über die faszinierende Verbindung von Leserin und Künstler zu sinnieren. Warum also nicht mal mit dem Buch im Städel auf die Suche nach Schwestern der lesenden Modelle gehen – wie etwa dem „Lesenden Mädchen“ (1886) von Pierre-Auguste Renoir (1841–1919) im Sammlungsbereich der Kunst der Moderne.

Stefan Bollmann: Frauen, die lesen, sind gefährlich. Lesende Frauen in Malerei und Fotografie
Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich
Insel Verlag, 2013
143 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, Broschur
ISBN-13 9783458359586
9,95 Euro
Erhältlich im Museumsshop