Gegenwartskunst

Gastbeitrag zur Blogparade: Stil egal, Körper formlos

Unsere Blogparade „Körper, Kleidung und Kunst“ im Rahmen der Ausstellung “Erwin Wurm: One Minute Sculptures” läuft nur noch bis zum 13. Juli 2014. Auch Ihr könnt mitmachen! Hier findet Ihr einen Gastbeitrag des Kollektivs „Die Rausfrauen“  zu diesem Thema:

 

Foto: Rausfrauen

Foto: Rausfrauen

 

Warum tragen Männer den immer gleichen Anzug und nur Frauen High Heels? Wieso haben vor allem Kleinkinder knallbunte Ringelshirts an, Senioren aber nicht? Die enge Leggings kann sowohl feste Männerwadln wie kurvige Hüften betonen, unter weiten Kapuzenpullis versteckt sich zuweilen gern, wer einen schlechten Tag hat, Jacketts tragen sowieso schon alle und mit Röcken sollte das auch bald soweit sein. Unisex kann als Lösungsansatz verstanden werden, oder auch das Konzept Kostümierung. Das Institut für angewandte Raumaneignung nähert sich theoretisch und praktisch derartigen Problemstellungen und freut sich, sich mit einem Beitrag über seine aktuellen Forschungstätigkeit an der Blogparade des Städel Museums zu beteiligen.
Mittels der Kunstfiguren „Die Rausfrauen“ beschreitet das Institut für angewandte Raumaneignung die Grenze zwischen Geschlechterräumen, wandelt auf dem Grat dies- und jenseits des guten Geschmacks und inszeniert durch Kleidung unterschiedlichste Identitäten. (Fußnote: Rausfrauen, die: Arbeiter_innen im öffentlichen Raum, die mit traditionellem Handwerk und konventioneller Hausarbeit Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten durchbrechen, die Kontraste herstellen und den öffentlichen Raum als gesellschaftlich gestalt- und veränderbar begreifen. Der Name leitet sich ab von Hausfrau: Hausfrauliche Arbeiten, Verrichtungen und Erzeugnisse werden in der Öffentlichkeit positioniert und so in einen neuen, gegensätzlichen Kontext gestellt, um diesen Arbeiten eine größere Wahrnehmung, Bedeutung und Wertschätzung zuzuerkennen. Ebenso bezeichnet der Name das Austreten aus dem konventionellen, binär gedachten Geschlechterverhältnis, in dem so die zwar diskutierte, aber nach wie vor weitgehend akzeptierte Opposition von weiblich-häuslich-privat und männlich-öffentlich-politisch unterlaufen und für ein spielerisches und humorvolles Neudenken geöffnet wird.)

 

1. Genderfizierung
Was ist ein Mann? Was ist eine Frau? Und warum wird der Mann zuerst genannt? Warum gibt es nur diese zwei Kategorien? Was bin ich? Wer bestimmt die Kriterien, wonach die Einteilung erfolgt? Meist liegt der Fokus auf Unterschieden: Geschlechtsmerkmale, körperliche Konstitution, Emotionalität unterstützen eine angeblich eindeutige Zuordnung. Aber näher betrachtet überwiegen die physischen Gemeinsamkeiten zwischen Trägern des XX-, XY-Chromosomenpaares und allen weiteren Variationen: zwei Arme, zwei Beine, Bauch, Hals, Kopf, Schultern, Rumpf, Haare, Augen, Nase, Mund, Zehen, Finger,… Die Liste ließe sich fortsetzen und zeigt die Begrenztheit, die aus dem Beschränken auf einige wenige Differenzierungsmerkmale resultiert. Die spielerische Handhabe der Klischees begünstigt Optionen der Subversion und Dekonstruktion. Methodisch erprobt wurden dazu bunte Häkelbärte, Perücken und gestrickte String-Tangas für alle. (Siehe Punkt 5)

 

2. Kleiderordnung
Kleider machen Leute, Mode macht Menschen und Menschen können tolle Sachen mit Klamotten machen. Alles Auftreten ist Inszenierung und es besteht uneingeschränkt die Möglichkeit, aus allen Farbtöpfen und Schubladen zu schöpfen. Ziel rausfräulicher Tätigkeiten ist es, Wandelbarkeit sichtbar zu machen und gleichzeitig Geschlechterstereotypen mit (Anti-)Mode, wallenden Perücken, Bärten und Maske zu überschreiten. Durch die Kostümierung kann Geschlechtlichkeit potenziert und somit dekonstruiert werden.

 

Foto: Rausfrauen

Foto: Rausfrauen

 3. Rahmenbedingungen
Wer trägt wann was? Die soziale Ordnung verlangt vom Individuum eine der Situation angemessene Kleidungswahl und macht diese unbewusst zur vermeintlich einzigen Möglichkeit. Anzug und Krawatte zum Geschäftsessen, Blaumann („-mann“) auf der Baustelle, weiße Bluse für die Zahnarzthelferin, bloßes Beige im Seniorenheim, Trachtenjanker (männlich) oder Dirndl (weiblich) auf Festivitäten der Brauchtumspflege, Jogginghose bitte nur in den privaten Räumlichkeiten zu tragen, etc. Widersetzt sich das Individuum dem durch die Wahl „unangemessener“ Kleidung für einen bestimmte Zeitpunkt, zeigt sich besonders prägnant die Doppeldeutigkeit der Tragbarkeit von Kleidung.

 

4. Formgebung
Wie oben bereits erwähnt wurde, bleiben die Körper Körper, in ihrer je individuellen, absolut einzigartigen Ausprägung. Sie bilden Basis für materielle und technologische Umformungen, die theoretisch jenseits aller Geschlechterkategorien stattfinden können: Schrilles Neon-Kunsthaar ersetzt die alltägliche Frisur, Aufklebewarzen zieren die Gesichtshaut. Business-Kostüm und Anzug formen den Bürokörper, High-Intensity-Workouts produzieren Muskelmasse, Bauch-Weg-Höschen, gepolsterte Gesäßkissen, Push-Up-Büstenhalter, Prothesen oder Korsetts leisten mechanisch formgebende Hilfe. Make-Up und Pomade, Tattoos, Piercings oder künstliche Fingernägel sorgen für den finalen dekorativen Schliff. Dahinter bleibt immer und überall der gleiche Rest Mensch.

 

5. Methoden und Instrumente der Maskerade
a) Röcke für alle, weil auch alle Hosen tragen. (Wem das zu weit geht, lässt das Beinkleid einfach weg.) b) Zweckentfremdete Berufs- und Arbeitskleidung wie Schürzen, Arbeitskittel, Fingerhüte und Krawatten erweisen sich – aus ihrem ursprünglichen Gebrauchskontext entnommen – als äußerst kleidsam und gleichzeitig funktional. c) Gebrauchsfertige Dekoration statt Schmuck: Sicherheitsnadeln ersetzen Piercings, Häkel- und Stricknadeln halten Haarknoten zusammen, ein Wollknäuel leistet guten Dienst als geschmackvolle Kopfbedeckung. d) Der leidigen Unzufriedenheit mit der eigenen Frisur sowie dem regelmäßig erforderlichen Frisörbesuch schaffen Perücken Abhilfe. e) Wem es an Bartwuchs mangelt, klebt sich einen schicken Schnurrbart auf oder bindet sich einen Wollbart um. So eröffnet sich allen der viel genutzte Handlungsspielraum, bei Unwissenheit Undeutliches in die Gesichtsbehaarung zu murmeln. f) Korsetts und Mieder formen Figuren, während Polster, Kissen oder Reifröcke das nötige Volumen beisteuern. g) Gehäkelte Brustimitate sorgen für die erwünschte Oberweite und Penis-Pants füllen die Hose.

 

6. Fazit
Als Zwischenstand der bisher getätigten Betrachtungen lässt sich festhalten: Der Körper erscheint als formbares Objekt, das mittels unterschiedlicher Montagen und Bearbeitungen dem angestrebten Kontext angepasst werden kann – oder gerade durch gegenteilige Ausstattung diesen subversiv kreuzen kann. Unter einer breiten Variation von Schichten, Textillagen und Anbauten verschwindet der Körper. Wer weiß noch, worunter ein Mann, wo eine Frau versteckt ist? Kleidung, Mode, Make-Up, Prothesen, Frisur, Artikulation, Gestik und Mimik dienen als Werkzeuge der Transformation. Das Experimentieren mit Maskeraden und Rollenverhalten aus allen Lagern trägt nachhaltig dazu bei, festgelegten Zuweisungen und Regeln den Ernst zu nehmen. Wer darüber lacht, hat Recht und kommt über die tragische Erkenntnis hinweg, dass außer einem gleichbedeutenden Körper nichts ist hinter all den Masken, Kostümen und Rollen. Der Körper als solcher nimmt auf nichts als sich selbst und andere Körper Bezug – erst die vielfältigen Transformationen sorgen für Bedeutungszuweisungen. Doch selbst diese zerfasern und lösen sich auf in einer Atmosphäre des postmodernen Stilemixens, des Alles-ist-erlaubt, der eklektizistischen Modezitate. Bleibt nur noch in den Worten der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zu schließen: Sinn egal, Körper zwecklos.

 

Weiterführende Lektüre: Sissi Schmitz & Ina Hermina: Das Rausfrauenbuch. Eine praktische Einführung in queere Verstrickungen, geschmackvolle Garderobe und kreative Küche. Stuttgart: frechVerlag 2014.

Ein Beitrag von Sissi & Hermine / Rausfrauen

©des Texts beim Autor

 

 

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