Kuratoren-Doppelspitze der Ausstellung “Geschlechterkampf”: Felix Krämer und Felicity Korn

Rose-Maria Gropp: Vor einer Generation war der Geschlechterkampf ein großes Thema, nachgerade das „Generationenthema“ der 1980er- und 1990er-Jahre. Warum kehrt es jetzt wieder?

Felix Krämer: Als wir vor über drei Jahren mit der Vorbereitung der Ausstellung begannen, lag das Thema schon in der Luft. Es war zu beobachten, dass der Geschlechterkampf nach fast 30 Jahren – also eine Generation später – wieder zurückkam, auch wenn er natürlich nie vorbei war. Auffällig ist, dass die Fragestellungen aber mehr oder weniger die gleichen geblieben sind. Auch die hohe Emotionalität der Auseinandersetzung hat sich nicht verändert.

Felicity Korn: Die Ausstellung behandelt den Zeitraum vom Symbolismus bis zum Surrealismus. Dennoch ist das Hier und Jetzt implizit durch unsere Perspektive als Betrachter anwesend, auch wenn klar ist, dass die Ausstellung nicht als Kommentar zu einzelnen Ereignissen der Gegenwart gelesen werden soll. Zudem kann so ein Projekt keine konkreten Handlungsanweisungen geben. Im besten Fall – und das ist unsere Hoffnung – führt die Ausstellung zu einer Sensibilisierung und regt zum Nachdenken an.

Was genau verstehen Sie unter dem für die Ausstellung zentralen Begriff des Geschlechterkampfes?

Korn: Geschlechterkampf bedeutet die Begegnung zwischen den Geschlechtern, die oftmals spannungsgeladen ist und zu einem Konflikt führen kann. Gleichzeitig verstehen wir unter dem Überbegriff das Verhandeln von Rollenbildern, Stereotypen und Idealvorstellungen sowie das Sich-Positionieren zum jeweiligen Gegenüber. Das, was zunächst vielleicht einfach klingt – Frau und Mann –, erweist sich dann rasch als ziemlich kompliziert. Die Definition des jeweiligen Geschlechts funktioniert vor allem in Abhängigkeit voneinander und kann nicht ohne den anderen gedacht werden.

Krämer: Das zeigt sich in der Kunst daran, dass, obwohl wir viel mehr Frauendarstellungen haben, den Bildern immer auch gleichzeitig eine bestimmte Auffassung von einem männlichen Rollenbild zugrunde liegt. Bei der Benennung der Ausstellung haben wir uns gefragt, welche anderen Möglichkeiten es gäbe, um das Thema präzise zu fassen, mussten aber feststellen, dass einem die deutsche Sprache nicht sehr viele Möglichkeiten bietet. Zum Beispiel ist der Begriff der „Geschlechterbeziehungen“, der womöglich passender gewesen wäre, nicht wirklich etabliert, weswegen er sich nicht als Titel geeignet hat. Denn Kampf impliziert natürlich auch gleich Gewalt, das Ringen auf Leben und Tod. Wir meinen mit Geschlechterkampf aber vielmehr das Spannungsverhältnis, das sich in gegenseitiger Anziehung und Ablehnung äußert.

Für viele Besucher stellt sich womöglich auch die Frage, was der Geschlechterkampf überhaupt mit der Emanzipation der Frau zu tun hat?

Krämer: Grundlegend für die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts rasch ausbreitende weibliche Emanzipationsbewegung ist das Verhandeln der Geschlechtersituation, basierend auf den Forderungen nach Frauenwahlrecht und sozialer Gleichberechtigung. Konservative Rollenbilder von bürgerlicher Männlichkeit wurden infrage gestellt und erstmals auf breiter Ebene gesellschaftlich diskutiert. Wortführer wie August Bebel, der sich in seinem 1879 erschienenen Werk „Die Frau und der Sozialismus“ für die soziale Unabhängigkeit und Gleichstellung der Geschlechter einsetzte, trafen auf Verteidiger der bestehenden sozialen patriarchalischen Ordnung.

Korn: Die weibliche Emanzipationsbewegung war der Impulsgeber für die konfliktgeladene Situation zwischen den Geschlechtern in dem in der Ausstellung beleuchteten Zeitraum. Während die Frauen den Kampf um ihre Gleichstellung verfolgten, sahen die Männer darin eine Bedrohung für ihre Privilegien und Rechte. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es auch Ausnahmefälle gab und dass beide Geschlechter auf beiden Seiten kämpften.

Wie sieht die Vermittlung des Geschlechterkampfes in der bildenden Kunst im Zusammenhang mit den Emanzipationsbewegungen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus?

Krämer: Dies wird in erster Linie vermittelt durch die Dominanz der Frauen in den Bildern, die phasenweise fast das  Gefühl entstehen lässt, dass der Mann abwesend ist. In der Kunst zeigt sich, wie sehr der Geschlechterkampf über die Rolle der Frau und damit über die Emanzipationsbewegung verhandelt wird. Zugleich muss man betonen, dass es sich im 19. Jahrhundert überwiegend um Werke von Männern handelt.

Das liegt auch an dem Umstand, dass die Frau dabei Objekt ist und nicht selbst Handelnde. Als Subjekt in diesem Sinne ist sie der Betrachtung unterworfen, obwohl sie häufig als eine bedrohlich Handelnde dargestellt wird.

Korn: Um ihre sozial und gesellschaftlich privilegierte Stellung weiterhin zu legitimieren, „mussten“ die Männer – quasi aus einer Verteidigungshaltung heraus – die Frau auf den Status eines Objekts reduzieren. Die Frau wird als Gattung zu einem Feindbild oder einem Gegner gemacht, der sie aber Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt nicht ist, da damals – so erscheint es aus heutiger Perspektive – von ihr keine Bedrohung für die rechtliche und politische Vormachtstellung des Mannes ausging. In den Bildern der Ausstellung lässt sich nachvollziehen, inwiefern die Frauendarstellungen immer überzogener werden, je stärker die Emanzipationsbestrebungen, ihr Echo in der Öffentlichkeit und die vermeintliche Gefahr, die von ihnen ausgeht, wahrgenommen werden. Kurz gefasst, könnte man vielleicht sagen, dass die zunehmende Verobjektivierung der Frau in der Kunst einhergeht mit ihrem zunehmenden Selbstverständnis als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Zugleich versuchten Künstler immerfort, die Frau als das Objekt, als den Gegenstand ihrer Darstellung zu bannen.

Krämer: Eigentlich ist es immer die weibliche Rolle, die verhandelt wird und die sich verändern soll. Der Blick auf den Geschlechterkampf ist geprägt vom Blick auf die Frau und die Umwälzungen in ihrem Leben – ein Phänomen, das wir auch heute noch erleben. Mitunter wird suggeriert, an der Stellung des Mannes ändere sich nichts. Dieser Umstand begegnet einem nicht nur in den Bildern unserer Ausstellung, sondern auch in Lexikon einträgen. Während sich in den Konversationslexika des 19. Jahrhunderts spaltenlange Einträge zu den Stichwörtern „Frauenfrage“, „Frauenvereine“ und „Weib“ oder zur Arbeit, den Interessen und der Biologie der Frauen finden, wurden nur wenige Sätze über den Mann formuliert.

Korn: „Mann“ wird in diesen Artikeln quasi gleichgesetzt mit „Mensch“ und als Konstante angesehen, während die Frau als ein sich in Veränderung befindliches Wesen unheimlich komplex und schwer ergründbar sei.