Hinter den Kulissen

High-Tech trifft Mittelalter – Der Röntgenblick hinter den Altenberger Altar

Er gehört zu den stummen Zeugen der Kunstgeschichte: der Altenberger Altar. Im Februar 2016 versuchten wir, ihm seine letzten Geheimnisse zu entlocken. Pünktlich zur Eröffnung der Sonderausstellung „Schaufenster des Himmels“ können wir nun von spektakulären Ergebnissen berichten.

 

Der Altenberger Altar in der Galerie des Städel Museums, 2015/16

Der Altenberger Altar in der Galerie des Städel Museums, 2015/16

Der Altenberger Altar ist ein Flügelretabel des frühen 14. Jahrhunderts, das ursprünglich den Hochaltar der Klosterkirche in Altenberg an der Lahn schmückte. Nach Aufhebung des Klosters 1803 ging es in den Besitz der Fürsten zu Solms-Braunfels über. Seine Bestandteile gelangten später in unterschiedliche Sammlungen: die Marienfigur nach München, der Schrein verblieb auf Schloss Braunfels, die Flügel wurden 1925 für das Städel erworben. Erfreulicherweise konnte der Altar letztes Jahr im Städel bis auf Weiteres wieder zusammengeführt werden. Ihm und der sonstigen Chorraumausstattung aus Altenberg ist die Sonderausstellung „Schaufenster des Himmels“ gewidmet.

 

Seitenwände und Rückseite des Altenberger Altarschreins mit der barocken Übermalung von 1609

Seitenwände und Rückseite des Altenberger Altarschreins mit der barocken Übermalung von 1609

Wie alles begann…

Als der Schreinkasten 2014 als längerfristige Leihgabe des Museums Schloss Braunfels ins Städel kam und genauer untersucht werden konnte, bestätigte sich, was bisher nur Vermutung war: Unter der Barockdekoration von 1609 auf den Seiten und der Rückwand des Schreinkastens gab es tatsächlich noch Reste der ursprünglichen, mittelalterlichen Bemalung! Und es handelt sich offenbar nicht nur um einen Schutzanstrich oder um reine Dekorationsmalerei: Zu sehen waren Beine, eine Inschrift, ein Kopf und schemenhafte Umrisse weiterer Figuren.

Welche Darstellungen befanden sich dort? Und wer bekam sie überhaupt je zu sehen? Schließlich ist der Bereich zwischen Altarblock und Chorwand am originalen Aufstellungsort in der Kirche nicht ohne Weiteres einsehbar. Man musste wirklich hinter den Hochaltar treten. Wenn es gelingt, die verborgene Malschicht des Schreinkastens sichtbar zu machen, könnte man also nicht nur das Aussehen dieses hochbedeutenden Flügelretabels rekonstruieren, sondern vielleicht auch etwas über die bislang noch wenig erforschte Nutzung des Bereichs hinter dem Altar erfahren.

 

Rechte Schreinseite: Reste der mittelalterlichen Malerei

Rechte Schreinseite: Reste der mittelalterlichen Malerei

 

Tiefer als das Auge sieht: Von Infrarot- bis Röntgenstrahlung

Im Anschluss an den Fund versuchten wir mit Infrarotreflektografie und konventionellen Röntgenaufnahmen die übermalte Farbschicht sichtbar zu machen, doch die verwendeten Materialien ließen keinen klaren Befund zu. Erst im Februar gelang es uns, dem Geheimnis der übermalten Originalmalerei auf die Spur zu kommen.

In Zusammenarbeit mit der Bruker Nano GmbH, Berlin, und dem Fachgebiet Materialanalytik der Technischen Universität Darmstadt wurde eine partielle Röntgenfluoreszenz-Untersuchung des Altarschreins durchgeführt. Diese Technik ist an sich nicht neu. Neu ist jedoch der mobile Flächenscan, der die Anwendung des Verfahrens bei Kunstwerken erst möglich macht.

 

Tiefe Einblicke: Der Messkopf des Jetstream M6 scannt mit einem geringen Abstand die unebene Schreinoberfläche

Tiefe Einblicke: Der Messkopf des Jetstream M6 scannt mit einem geringen Abstand die unebene Schreinoberfläche

 

Die Grundidee ist relativ einfach. Der Schrein wird mit Röntgenquanten bestrahlt und über die Rückstrahlung werden die chemischen Elemente bestimmbar – selbst wenn sie sich unter der Oberfläche befinden. Scannt man einen Flächenabschnitt des Schreinkastens ab, kann man darauf die Verteilung verschiedener, anorganischer Elemente wie beispielsweise Blei, Arsen, Zink oder Kupfer visualieren. Da diese Elemente Bestandteile der verwendeten Farben sind, ergeben die einzelnen Element-Verteilungskarten schon eine erste Vorstellung davon, was unter der barocken Malschichte dargestellt ist. Überlagert man diese Verteilungskarten, verdichtet sich die Bildinformation immer mehr – die farbigen Muster nehmen im wahrsten Sinne des Wortes Gestalt an.

 

Enttarnt: der hl. Christophorus im RFA-Map der Mitteltafel

Enttarnt: der hl. Christophorus im RFA-Map der Mitteltafel

 

Eine Heiligenschar am Altar

Die Figur auf der Mitteltafel war eine Überraschung für das ganze Team. Zu erkennen sind zwei Figuren mit Heiligenschein: Die größere trägt eine kleinere Huckepack. Die Ikonografie ist eindeutig. Es handelt sich um jenen Heiligen, der der Legende nach das Christuskind auf seinen Schultern durch den Fluss trug: der heilige Christophorus.

Seine Darstellung wird flankiert von je zwei weiblichen Heiligen mit Attributen: links die heilige Agnes mit dem Lamm und vermutlich, in Ordenstracht gezeigt, die heilige Klara; rechts die heilige Dorothea mit Korb und Blume und schließlich die heilige Barbara mit dem Turm. Auf der von vorne gesehen linken Seitenwand ließen sich die Apostel Petrus und Paulus ausmachen.

Nur das oberste Feld der Gegenseite gibt uns noch Rätsel auf: eine Frau oder ein Mann – unklar auch ob stehend oder kniend – daneben eine kleinere Figur, die den Arm erhoben hat… Ihr könnt gerne einen Hinweis, wer gemeint sein könnte, im Kommentarfeld hinterlassen!

 

Wer ist diese(r) Heilige im oberen Feld der rechten Schreinseite?

Wer ist diese(r) Heilige im oberen Feld der rechten Schreinseite?

 

Wirken fast wie Geisterbilder: die RFA-Maps auf den Seitenwangen und der Rückseite des Altarschreins

Wirken fast wie Geisterbilder: die RFA-Maps auf den Seitenwangen und der Rückseite des Altarschreins

 

Zur möglichen Funktion dieser Bilder

Aus Zeitgründen konnten wir die unteren Partien nicht mehr scannen. Zu vermuten sind weitere, wohl vor allem männliche Heilige. Insgesamt waren es also 14 Figuren und eine zentrale Darstellung des heiligen Christophorus.

Christophorus war Patron der Reisenden und Pilger. Sein Bild anzuschauen schützte nach mittelalterlicher Überzeugung vor einem unerwarteten Tod. Deshalb wurde er häufig – wie auch in Altenberg – an Kirchenwände gemalt; auf einer Rückseite eines frühen Retabels ist seine Darstellung jedoch singulär. Hier erfüllte er wohl noch andere Zwecke. Zur Frage, warum man ihn in Altenberg hinter dem Altar gezeigt hat, haben wir einige Hypothesen aufgestellt. Wer diese spannende Frage vertiefen möchte, dem sei die Lektüre unseres ausführlichen Forschungsberichts empfohlen – und selbstverständlich der Besuch der Ausstellung!

 

Dr. des. Fabian Wolf ist wissenschaftlicher Volontär in der Abteilung „Deutsche, Holländische und Flämische Malerei vor 1800“ und hofft nach einer äußerst spannenden Vorbereitungszeit, etwas von der Begeisterung über die Altenberger Ausstellung weitergeben zu können.

 

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