Im Passepartout: Papierrestauratorin Anna Motz

Sonderausstellungen in der Graphischen Sammlung sind in der Vorbereitung nicht nur mit konzeptionellen und kuratorischen Überlegungen verbunden, sondern werden immer auch von konservatorischen und restauratorischen Arbeiten begleitet. Aber was genau passiert da eigentlich und welche Erkenntnisse können dabei gewonnen werden? Für das Städel Blog haben wir mit Anna Motz, Restauratorin in der Grafikrestaurierung des Städel, darüber gesprochen, was sie bei den Vorbereitungen zur aktuellen Ausstellung „Laster des Lebens. Druckgrafik von William Hogarth“ entdeckt hat.

Nachdem Du Dich aufgrund der Restaurierungsarbeit so eingehend mit dem Werk des englischen Malers, Kupferstechers und Radierers William Hogarth (1697–1764) befasst hast – was für ein Bild hast Du von Hogarth?
Faszinierend ist, dass seine Werke so überquellen vor Bild-Ideen, Anspielungen und Symbolgehalt. Ein weiterer spannender Aspekt ist, dass er mit den gesellschaftlichen Themen seiner Zeit zum einen ungehalten bis unversöhnlich moralisierend, aber dann auch wieder sehr saftig-humorig zu Werke oder eher: zu Gericht geht.

Anna Motz beim Sichten von Druckgrafiken

Wie genau hast Du die Hogarth-Ausstellung in der Papierrestaurierung vorbereitet?
Nachdem die Werke von der Kuratorin Annett Gerlach ausgewählt wurden und das Konvolut in etwa feststand, haben wir uns die Arbeiten gemeinsam angeschaut und über die weiteren Maßnahmen beratschlagt. Die Druckgrafiken von Hogarth waren zum Teil 1999 in einer hauseigenen Ausstellung zu sehen und daher bereits konservatorisch aufbereitet. Ein größerer Teil war jedoch ohne schützende Passepartout-Maske auf dünne Kartons montiert. In diesem Fall wurden die Werke gereinigt, gegebenenfalls von Verklebungen, meist alten Montierungsfälzen, befreit und in neu angefertigte Klapp-Passepartouts “eingehängt”. Die Passepartouts geben den fusselfrei gerahmten Blättern nicht nur einen ästhetischen Rahmen, sondern erlauben später auch das Handling der Arbeiten bei der Vorlage im Studiensaal und ermöglichen eine schützende Lagerung im Depot.
Es wurden zudem Dokumentationsfotografien aller Werke angefertigt. Das bedeutet, es werden Aufnahmen im Auf-, Durch- und Streiflicht angefertigt, um detailliert Besonderheiten des Erhaltungszustandes und Schäden festzuhalten. Das war in diesem Fall besonders wichtig, weil die Ausstellung im nächsten Jahr zu einer zweiten Station in das brandenburgische Schloss Neuhardenberg reisen wird und deshalb Zustandsprotokolle erstellt werden müssen.

Hast Du Lieblingsgeschichten oder Stellen in Hogarth‘ Werken, bei denen Du besonders lachen musstest oder schockiert warst?
Ich war eher überrascht von seiner Fantasie. Ein Beispiel: In die zwei Blätter der „Analysis of Beauty“ (1753) hat Hogarth den Rand umlaufende Skizzen integriert, die seine Thesen veranschaulichen. Auf dem ersten Blatt sieht man unten rechts verschiedene Köpfe. Dieser Teil wirkt fast aus wie ein Schnellabriss der Kunstgeschichte: vom klassisch antiken Kopf über romanisch-gotisch anmutende Köpfe bis hin zu einem Kopf nebst -putz, der entfernt an Holbeins Porträts vom Hofe Heinrichs VIII. erinnert. Weiter geht es eher barock, in Richtung Hogarth’ Zeitgenossenschaft, und dann – es wird spannend – mutet es wie kurz um die Französische Revolution an: ein Kopf mit Robespierre-Perücke auf einer Pike. Daran schließt sich ein Strichmännchen an und darüber ein Profilkopf, der fast nach einer schnellen Picasso-Zeichnung aussieht, also seiner Zeit deutlich voraus ist. Dazu stelle ich mir gerne vor, wie der Meister der wohlkomponierten „modern moral subjects“ mal eben „aus der Hüfte“ solch eine „kleine“ Randnotiz in sein Blatt gesetzt hat.

William Hogarth (1697-1764): Analysis of Beauty, Plate 1, 1753; Radierung und Kupferstich, 39 x 50,6 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTHOTHEK

Gab es Besonderheiten bei der Aufarbeitung der Druckgrafiken für die Ausstellung?
Als ich mir während der Voruntersuchung die Papiere genauer anschaute, waren auf zahlreichen Blättern Spuren von gelber Farbe an der geschnittenen Außenkante zu erkennen – ein Hinweis darauf, dass sie zusammen in einem Buch gebunden waren. Die Kuratorin war von dieser Erkenntnis nicht sonderlich überrascht, wusste sie doch längst, dass ein Teil der Blätter so als Konvolut in die Sammlung gekommen war. Das passiert häufig: Man liest als Restaurator schneller das Objekt als die dazugehörigen Schriftquellen und Inventare, auf die der Kunsthistoriker zurückgreift. Diese sich ergänzenden Herangehensweisen befördern aber auch einen effektiven Austausch zwischen den Mitarbeitern.

William Hogarth (1697-1764): Marriage à la Mode, 1745; Radierung und Kupferstich, 38,4 x 46,8 cm (gestochen von G. J.-B. Scotin); Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTHOTHEK

Wie hast Du dann nach Deiner Arbeit an den Grafiken die Ausstellung selbst erlebt?
Außergewöhnlich bei Hogarth war – das muss ich gestehen –, dass ich schon während der Arbeit an den Blättern, die sich für mich oft zum Großteil auf der Rückseite abspielt, die Augen und Gedanken nicht von den Motiven lassen konnte. Häufig merke ich erst in der eröffneten Ausstellung, dass ich bei der Vorarbeit doch recht wenig von den Motiven gesehen habe und bin letztlich sehr überrascht von dem, was ich noch erblicke.
Ganz ohne neue Entdeckungen blieb es in der Ausstellung dieses Mal aber auch nicht: Im Hintergrund des ersten Blattes der „Marriage à la Mode“ (1745) findet sich ein Gemälde, angelegt wie ein großes, repräsentatives Porträt eines Feldherren in respekteinflößender Rüstung mit wehender Allonge-Perücke. Unter seinem Rüstungsschoß lugt eine Kanone hervor und da schießt auch gleich die Kugel heraus. Die Anspielung ist klar. Um mich zu vergewissern, musste ich noch dreimal hinschauen, blieb schließlich an dem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck hängen und musste dann doch sehr lachen.