Bewegte Bilder

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Den Schrecken zum Leben erwecken – Schwarze Romantik im Horrorfilm

In der „Schwarzen Romantik“ sind neben Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen auch Klassiker des Horrorfilms zu entdecken, denn auch die Filme „Frankenstein“, „Nosferatu“ oder „Dracula“ vermögen es, beim Betrachter nicht nur Unbehagen, sondern einen angenehmen Schauer hervorzurufen. Stefanie Plappert vom Deutschen Filmmuseum führt in die Welt des frühen Horrorfilms ein und zeigt auf, welche Einflüsse die bildenden Künste auf die filmischen Werke hatten.

Filmstill aus dem Film Nosferatu (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

So erschreckend den Zeitgenossen Goyas gesellschaftkritischer Zyklus „Los Caprichos“ vorgekommen sein muss, so unerhört Füsslis Gemälde „Der Nachtmahr“, so unbehaglich Carl Friedrich Lessings „Felsenlandschaft: Schlucht mit Ruinen“: derartige Motive, eigentlich dazu angetan vielleicht unbewusstes, doch tief empfundenes Unbehagen beim Betrachtender hervorzurufen, übten immer auch einen subtilen Reiz, einen angenehmen Schauer, aus. Im 18. und 19. Jahrhundert stellten die avantgardistischen Strömungen in der bildenden Kunst schöne Leichen, alptraumhafte Empfindungen und übersinnliche Geschehnisse in den Mittelpunkt, im 20. Jahrhundert fanden diese Themen dann zunehmend im neuen Medium Film ihren Ausdruck.

James Whale (1889–1957), Frankenstein, USA 1931, Filmstill, © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.Caspar David Friedrich (1774–1840), Kügelgens Grab, 1821/22, Öl auf Leinwand, 41,5 × 55,5 cm, Die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus, Leihgabe aus PrivatbesitzJames Whale (1889–1957), Frankenstein, USA 1931, Filmstill, Schwarz-weiß, Tonfilm mit deutschen Untertiteln, © Universal Studios. Alle Rechte vorbehalten.Francisco de Goya (1746–1828), Fliegende Torheit (Disparate volante), aus: Die Sprichwörter (Los proverbios), Blatt 5, 1816–1819, 1. Auflage 1864, Radierung und Aquatinta, 21,7 x 32,6 cm (Darstellung), Städel Museum, Frankfurt am MainFriedrich Wilhelm Murnau (1888–1931), Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, Deutschland 1922, Filmstill, Stummfilm, schwarz-weiß / viragiert, deutsche Zwischentitel, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-StiftungJohann Heinrich Füssli (1741–1825), Der Nachtmahr, 1790/91, Öl auf Leinwand, 76,5 × 63,6 cm, Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift, © Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift

1895, dem gleichen Jahr, in dem die Brüder Lumière ihren „Cinématographe“ der Welt vorstellten, publizierten Sigmund Freud und Joseph Breuer ihre bahnbrechenden „Studien über Hysterie“: Das Kino und die Psychoanalyse entstanden nahezu gleichzeitig. Künstler und Naturwissenschaftler teilten die frühe Faszination am bewegten Bild; Gleiches gilt für die Psychoanalyse, die das Interesse am Unbewussten, Unkontrollierten, Alptraumhaften und Unerklärlichen in wissenschaftliche Bahnen lenkte. Im jungen Medium Film verschmolzen auf diese Weise schwarzromantische Themen mit ihrer modernen Repräsentations- und Darstellungsform.

Die Pioniere der bewegten „lebenden“ Bilder experimentierten nicht nur mit technischen Möglichkeiten, sondern auch mit inhaltlichen Inspirationen aus dem Bereich der klassischen Künste wie der Literatur. Sie fanden rasch die heute nicht minder  aktuellen Texte von Mary Shelley und Bram Stoker, die die Grundlagen der ersten Horrorfilme bildeten. „Frankenstein“ (1818) wurde bereits 1910 von J. Searle Dawley das erste Mal verfilmt, das erste Drehbuch für „Dracula“ (1897) schrieben der deutsche Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und sein Drehbuchautor Henrik Galeen. Ihre nichtautorisierte Adaption des Stoffes, verfilmt als „Nosferatu“  (1922), übernahm die Grundhandlung von „Dracula“ und einige Motive, änderte jedoch die Namen der Figuren in verfremdender Absicht. Der Vampir heißt im Film Graf Orlok; mit seinen Rattenzähnen, den spitzen Ohren, und in der dürren Gestalt von Max Schreck ist ein Unikat: ikonografisch irgendwo zwischen Tod und Teufel angesiedelt, blieb er der untypischste Graf Dracula der Geschichte. In der US-amerikanischen Erstverfilmung von Tod Browning, „Dracula“  (1931) verkörpert der ungarische Schauspieler Bela Lugosi den Vampir. Als attraktiver Verführer in Smoking und Fliege, als Herr über ein verfallenes Schloss in der Wildnis Transsilvaniens sowie über drei Töchter (schöne Wiedergängerinnen mit unstillbarem Blutdurst) setzte er die bis heute gültigen visuellen Standards für Dracula.

Ästhetik und Atmosphäre für alle folgenden Vampirfilmgenerationen prägten jedoch Murnau und sein dem Okkultismus zugeneigter Szenenbildner Albin Grau: Der zahnförmige Burgturm in Nosferatu, die Anfahrt der herrenlosen Kutsche auf das Schloss, die aufgebahrte Frau, die sich dem Blutsauger anbietet, das Geisterschiff mit geblähten Segeln und der Pest an Bord. Der Filmtheoretiker Belá Balázs urteilte, Murnau erzeuge „Naturbilder, in denen ein kalter Luftzug aus dem Jenseits weht.“ Diese Filmbilder erinnern nicht zuletzt an Werke der Malerei, wie etwa an Lessings „Felsenlandschaft: Schlucht mit Ruinen“, an Delaroches „Die Frau des Künstlers“ und an Caspar David Friedrichs „Schiff auf hoher See mit vollen Segeln“, deren visuelle Einflüsse auf die frühe Horror-Filmkunst damit anschaulich nachvollziehbar werden. Im selben Jahr wie „Dracula“ entstand mit James Whales „Frankenstein“ ein weiterer Klassiker des Horrorfilms. Indem er – gottgleich – ein Lebewesen erschaffen will, manövriert sich Viktor Frankenstein in einen Alptraum hinein, zu dessen Bebilderung sich Regisseur Whale auf starke Vorlagen bezieht: der kantige, mechanische Kopf des Monsters erinnert an eine Figur in Goyas Blatt „Los Chinchillas“, die vom Monster niedergestreckte Braut an Füsslis Nachtmahr.

Die Akteure erleben Alpträume – Freud hatte sie Jahre zuvor gedeutet –, die die Filmemacherinnen und Filmemacher versuchen in Bilder zu fassen. So auch Alfred Hitchcock in „Spellbound“ (Ich kämpfe um dich, USA 1945), in dem Salvador Dalís Szenenbild surreale Traumbilder evoziert, deren offenbare Bodenlosigkeit die Orientierungslosigkeit des Protagonisten auf das Publikum übertragen. In der Begegnung mit dem eigenen Unterbewusstsein, den eigenen Träumen und Ängsten manifestiert sich ein großer Teil des Schreckens, der den ungebrochenen Reiz von Horrorfilmen damals wie  heute ausmacht.

Stefanie Plappert, Deutsches Filmmuseum

Übrigens ist die Ausstellung zur Schwarzen Romantik derzeit nicht die einzige Möglichkeit Kinofilme in der ungewohnten Umgebung des Museums zu sehen. Am Freitag, 8. Dezember findet ab 19.30 im Städel Museum die Filmnacht „Großes Kino“ statt, die gemeinsam mit dem Deutschen Filminstitut organisiert wird. Zum kompletten Programm gelangen Sie hier.

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