Lucian Freud (1922–2011) ist den Menschen in seiner Kunst besonders nahegekommen. Seine Zeichnungen und Radierungen zeigen ausschließlich Familienmitglieder und Freunde oder Personen, die ihn inspirierten. Es sind distanzlose Bilder, meist in der Nahsicht, manchmal sind die Porträtierten nackt oder haben die Augen geschlossen. Selten scheinen sie sich bewusst darüber zu sein, dass sie betrachtet werden. Diese Porträts sind das Ergebnis teils monate- oder jahrelanger Sitzungen,  geprägt von der persönlichen Beziehung zwischen dem Künstler und seinem Gegenüber. In Freuds wahrscheinlich innigster Darstellung aber ist der Mensch nur noch im Hintergrund anwesend – und das zudem fragmentarisch. Die liegende Frau ist ganz an den Bildrand gerückt, ihr Körper endet überraschend oberhalb der Schulter. Im Zentrum der Radierung steht ein schlafender Hund, Freuds Windhund Pluto.

„Was mich veranlasst, sie [die Hunde] zu malen, ist das Leben, das in ihnen steckt und in dem sie stecken.“ Lucian Freud

Freud verband mit Tieren früh ein unkomplizierteres Verhältnis als mit Menschen: „Ich war immer alleine und wollte es auch sein. Meine Mutter sagte, mein erstes Wort sei ‚alleine’ gewesen.“ Der Großvater mütterlicherseits besaß ein Gut in der Nähe von Cottbus, auf dem Freud früh seine Liebe zu Pferden entdeckte. Er ritt, hielt Falken und päppelte junge Füchse auf. Seine Windhunde Pluto und später Eli waren ihm über Jahrzehnte treue Gefährten. Es wundert daher kaum, dass sich Freud mit Tieren immer wieder künstlerisch auseinandersetzte, auch im Medium der Druckgrafik.

Lucian Freud (1922–2011), Pluto, 1988, Radierung und Kaltnadel, vom Künstler mit Wasserfarbe getönt, 322 × 604 mm (Platte), Städel Museum, Frankfurt am Main. Erworben 2018 mit Mitteln der Heinz und Gisela Friederichs Stiftung und des Städelschen Kunstinstituts, © The Lucian Freud Archive / Bridgeman Images

Die früheste dieser Radierungen von 1988  hat das Städel Museum nun anlässlich der Ausstellung Auerbach – Freud. Gesichter für die Graphische Sammlung erworben. Es ist eines von Freuds gesuchtesten Blättern: eine Radierung mit etwas Kaltnadel, die Freud teilweise mit grauer Wasserfarbe tönte – für alle 40 Exemplare der Auflage per Hand.

Als Radierer war Freud Autodidakt. Die Platte für seine früheste Radierung, The Bird, soll er im Waschbecken eines Pariser Hotelzimmers 1946 selbst geätzt haben. Damals nutze er die Technik als Fortsetzung seines zeichnerischen Schaffens. Ende der 1950er Jahre gab er beides, Druckgrafik und Zeichnung, für Jahrzehnte auf und konzentrierte sich nur noch auf die Malerei. Doch als er sich in den 1980er Jahren die Technik der Radierung wieder neu erarbeitete, schuf er bezeichnenderweise auch drei großformatige Einzelblätter mit Darstellungen seiner Windhunde Pluto und Eli. Wie die Bildnisse entstanden auch die Tierdarstellungen ohne zeichnerische Vorbereitung unmittelbar vor dem Modell. Freud legte dabei zunächst die groben Umrisse in weißer Kreide fest und radierte anschließend, ausgehend von der Mitte, mit der Nadel in den Ätzgrund auf der Kupferplatte.

Ausstellungsansicht „Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter“ im Städel Museum, Frankfurt
Ausstellungsansicht „Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter“ im Städel Museum, Frankfurt
Ausstellungsansicht „Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter“ im Städel Museum, Frankfurt
Ausstellungsansicht „Frank Auerbach & Lucian Freud. Gesichter“ im Städel Museum, Frankfurt

Wie bei vielen von Freuds Werken existiert auch von Pluto eine verwandte Fassung in Öl, die allerdings später entstand. Wie in der ersten Version der Radierung zeigt das Gemälde die Figur der Frau allerdings vollständig.

Der heutige Zuschnitt der Radierung geht auf eine Empfehlung von Freuds engem Freund und Künstlerkollegen Frank Auerbach zurück. Die Bildaussage fokussiert sich dadurch auf das innige Verhältnis von Frau und Hund, das sich in der wechselseitigen Berührung äußert: die Hand der Frau auf dem Rücken des Hundes, der Kopf des Hundes auf dem Fuß der Frau. Und auch der Künstler, ein stiller und involvierter Beobachter, ist teil dieser Verbindung. „Die Bilder leben, weil sich ihr Schöpfer leidenschaftlich seinem Sujet gewidmet hat und von seiner Aufmerksamkeit etwas zurückbleibt, das wir betrachten können,“ schrieb Auerbach einmal über Freud. „Es scheint wie eine Art Wunder.“