Gegenwartskunst im Städel

Maler der zerstörten Ordnung – Der junge Georg Baselitz

Skandalmaler! Georg Baselitz hatte mit Mitte Zwanzig bereits einen Ruf. Seine „unsittlichen“ Gemälde platzten in das deutsche Wirtschaftswunderidyll. Was trieb den jungen Künstler damals an? Ein Rückblick, der von Baselitz frühen Provokationen zu seiner „Helden“-Serie führt.

 

Wolfgang Frommel und Manuel R. Goldschmidt besuchen Georg Baselitz (r.) 1966 in seinem Berliner Atelier

Wolfgang Frommel und Manuel R. Goldschmidt besuchen Georg Baselitz (r.) 1966 in seinem Berliner Atelier

Georg Baselitz war 27 Jahre alt, als er 1965 in Florenz mit der Arbeit an den später sogenannten „Helden“ begann. Dass er damals künstlerisch in Italien arbeiten konnte, war keine Selbstverständlichkeit. Ein Stipendium ermöglichte ihm den Aufenthalt – aber dass ausgerechnet er ein solches erhalten hatte, war überraschend. Warum? Weil Georg Baselitz 1965 eigentlich nur negative Bekanntheit besaß.

Der „Skandalmaler“

Gleich mit seiner ersten Einzelausstellung, 1963 in Berlin, hatte er für einen Skandal gesorgt. Da war etwa sein Gemälde „Die große Nacht im Eimer“: Noch heute irritiert es, einen kleinen Mann mit einem großen Penis in schmutzig-braunen Farben grob auf die Leinwand gemalt zu sehen. Umso mehr wurden seine Werke damals als „unsittlich“ empfunden – und teils von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Die angefeindeten Bilder hängen heute in Museen (letzteres im Museum Ludwig Köln).

 

Ein Skandalmaler war geboren: Zeitungsausschnitt aus der Nacht-Depesche vom 4. Oktober 1964

Ein Skandalmaler war geboren: Zeitungsausschnitt aus der Nacht-Depesche vom 4. Oktober 1963

Natürlich wollte Baselitz damals provozieren. Er wollte ausdrücklich nicht die aus seiner Sicht vorgefertigten künstlerischen Wege einschlagen, die darüber hinaus meist mit politischen Ideologien verknüpft wurden. In Westdeutschland, wo er seit 1957 lebte, waren dies insbesondere das abstrakte Informell, ZERO, Fluxus oder die aus den USA bekannte Pop-Art. Die figurative Malerei hingegen hatte einen schlechten Stand und wurde häufig mit dem Sozialistischen Realismus der Sowjetunion und der DDR assoziiert.

Zerstörte Ordnung

Baselitz suchte seinen Weg jenseits dieser Bahnen. Rückblickend sagte er:

„Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen.“

Die zerstörte Ordnung, in die er 1938 der Nähe von Dresden hineingeboren wurde, ist die des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges sowie die der Nachkriegszeit. Als Kind hatte er nicht nur aufbrechende Soldaten, sondern auch zurückkehrende, zu Schaden gekommene Uniformierte und Flüchtlinge gesehen. Diese Eindrücke prägten ihn stark und wirkten auch in der „Helden“-Serie nach.

Seine Ausbildung zum Künstler begann Baselitz 1956 in Ost-Berlin, an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Lange blieb er nicht: Nach zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ verwiesen. Zum Wechsel aus der DDR in die BRD gezwungen, siedelte er nach Westberlin über, wo er sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste 1962 abschloss.

 

Georg Baselitz in seinem Berliner Atelier 1966

Georg Baselitz in seinem Berliner Atelier 1966

Das Künstlerstipendium der Künstlervilla Romana in Florenz brachte 1965 schließlich eine Wende. Die Loslösung aus Deutschland, speziell aus Berlin, tat wohl. In Florenz begann Baselitz die sogenannten „Helden“ oder „Neuen Typen“ zu entwickeln – an jenem Ort, der einst das Zentrum des italienischen Manierismus war: Die nicht-kanonischen Figuren, verzerrten Proportionen, die teils schrillen Farbkombinationen, all das reizte ihn fand und in seine Figurenbilder Eingang.

Baselitz schöpfte für seine Helden aus unterschiedlichsten visuellen und literarischen Eindrücken, vor allem aber auch aus seinen persönlichen Erinnerungen – in einer Zeit, in der die Mehrheit der Deutschen optimistisch nach vorne blickte und dem Wirtschaftswunder huldigte. Ein Rückblick war hingegen unbequem.

Manifestieren, was es noch zu manifestieren gilt

Baselitz ließ seine neu entwickelten Figuren durch merkwürdige Bildräume wandern oder taumeln, ihre großen Hände und Füße stehen in deutlichem Kontrast zu den kleinen Köpfen, ihre körperliche Wuchtigkeit in schroffem Gegensatz zu ihren Verletzungen und zur Abgerissenheit ihrer Erscheinung. Die teils geradezu prachtvolle Farbpalette, der ästhetisch so ansprechende Umgang mit Farbe und Pinsel wiederum kollidiert mit den bestürzenden Motiven.

 

Georg Baselitz: „Die großen Freunde“ (1965) aus der „Helden“-Serie, Museum Ludwig, Köln © Georg Baselitz 2016, Foto: Frank Oleski, Köln

Georg Baselitz: „Die großen Freunde“ (1965) aus der „Helden“-Serie, Museum Ludwig, Köln © Georg Baselitz 2016, Foto: Frank Oleski, Köln

Die Figuren waren und sind keine Helden. Sie sind Kreaturen auf der Wanderschaft in einer unheilvollen Welt, auf der Suche nach etwas, auch nach sich. Es sind darunter auch Maler, „bewaffnet“ mit den notwendigen Utensilien, um zu manifestieren, was es noch zu manifestieren gilt. Die rebellische und zugleich selbstbewusste malerische Geste, die Baselitz 1965 angesichts seiner Zeit entwickelte, schwingt in unsere Gegenwart hinein, brummt noch 50 Jahre später im Bauch des Betrachters.

Eva Mongi-Vollmer ist Co-Kuratorin der Ausstellung „Georg Baselitz. Die Helden“ und keineswegs „heldenmüde“.

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