Gegensätze ziehen sich an

So sehr Gemeinsamkeiten verbinden, so sehr können Unterschiede eine Freundschaft befruchten und herausfordern. Matisse und Bonnard waren in ihren Charakteren grundverschieden: Bonnard lebte zurückgezogen und asketisch. Er sprach kaum öffentlich über seine Kunst, wirkte auf andere eher verschroben. Nicht mal seine Nachbarn wussten, dass sie neben einem berühmten Maler wohnten. Matisse hingegen wohnte luxuriös, reiste gerne, umgab sich mit exotischen Gegenständen. Wie ein souveräner Professor äußerte er sich oft zu seiner Kunst. Die unterschiedlichen Charaktere spiegeln sich auch in ihrer Kunst. Beide waren fasziniert von der Bildsprache des anderen, die sich so sehr von der eigenen unterschied. Und sie nutzten diese Differenzen, um daraus Neues zu schöpfen.

Pierre Bonnard: Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909, Öl auf Leinwand, Städel Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. (l.)
Henri Matisse: Großer liegender Akt, 1935, Öl auf Leinwand, Baltimore Museum of Art © Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Kontakt halten

Anfangs war der Kontakt zwischen Matisse und Bonnard eher sporadisch, mit zunehmendem Alter intensivierte er sich. Ab 1926 lebten beide an der Riviera, nur eine halbe Autostunde voneinander entfernt. Regelmäßig besuchten sie sich und besprachen ihre Arbeiten. Aus den Zeiten, in denen sie sich seltener sahen, sind uns heute 62 Briefe und Karten erhalten. Wer nun denkt, dass sich große Maler nur über weltbewegende Themen unterhalten, hat weit gefehlt: Die eigenen Wehwehchen und das – an der Côte d’Azur selten – schlechte Wetter wurden mindestens genauso leidenschaftlich ausgebreitet wie Überlegungen zur Kunst. Vor allem aber fanden sie immer wieder liebevolle Worte füreinander: „Ich glaube, dass mir ein Besuch bei Ihnen außerordentlich guttäte,“ schrieb Matisse 1940. „Gewiss würde der Anblick Ihrer Malerei helfen, die Wand abzutragen, die ich im Augenblick vor der Nase habe.“

Die erste Postkarte, die Matisse am 13. August 1925 Bonnard schrieb: „Vive la peinture!” – es lebe die Malerei, Privatbesitz ©VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Keine Konkurrenz

Matisse und Bonnard zählten beide schon zu Lebzeiten zu den großen Malern der französischen Moderne. Bei einem Künstler-Ranking der Zeitschrift L’Art Vivant im Jahr 1925 landete Matisse auf dem ersten Platz, Bonnard teilte sich mit Picasso den vierten. Dennoch war ihre Freundschaft nicht von Konkurrenzdenken geprägt. Wie das möglich war? Kurator Felix Krämer glaubt, beide „hatten ihren künstlerisch Weg schon gefunden, als sie sich kennenlernten, und waren selbstbewusst genug, ihn weiter zu verfolgen.“ Daher konnten sie sich wohl auch an ganz ähnlichen Themen abarbeiten – Interieurs, Stillleben, Landschaften – und dabei zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Ihr künstlerischer Dialog war getrieben von Interesse und Sympathie für den anderen, nicht von Missgunst. Wie sehr Matisse und Bonnard sich als Maler schätzten, zeigt die Tatsache, dass sich beide auch eigenes Terrain überließen: Bei ihren Markenzeichen – badende Frauen bei Bonnard und Odalisken bei Matisse – kamen sie sich nie in die Quere.

Jedem sein Markenzeichen: Pierre Bonnard, Frau, aus dem Bad steigend, um 1925, Jeff & Mei Sze Greene Collection © VG Bild-Kunst, Bonn 2017 (links) und Henri Matisse, Zwei Odalisken, 1928, Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm, Moderne Museet, Stockholm © Succession H. Matisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In guten wie in schlechten Zeiten

Mit zunehmendem Alter sammelt man Rück- und Schicksalsschläge. Matisse und Bonnard waren in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da. Sie teilten ihre Sorgen über die politischen Entwicklungen während des Zweiten Weltkriegs genauso wie gesundheitliche Probleme. Und als Bonnards Frau Marthe starb, gehörte Matisse zu den wenigen Freunden, denen er sich anvertraute. Je älter die Künstler wurden, desto präsenter waren Schmerz und die Angst vor dem Tod in ihren Briefen. Wobei sie sich genauso über ihre Freuden austauschten. Matisse 1941: „Rodin sagte, es brauche ein Zusammenwirken außergewöhnlicher Umstände, einen Menschen 70 Jahre alt werden und ihn das Glück genießen zu lassen, mit Leidenschaft dem nachzugehen, was ihm gefällt. Wir sind Begünstigte, vergessen wir das nicht.“

Henri Cartier-Bresson: Henri Matisse in seinem Haus in Südfrankreich, Vence (links) und Pierre Bonnard in seinem Haus in Südfrankreich, Le Cannet, 1944 © Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos, Courtesy Fondation HCB / Agentur Focus1944

Füreinander einstehen

Matisse überlebte seinen besten Freund um sieben Jahre. Als Bonnard 1947 starb, veröffentlichte der Kritiker Christian Zervos einen Artikel in der Zeitschrift Cahiers d’Art, in dem er daran zweifelte, dass Bonnard ein großer Maler gewesen sei. Matisse reagierte mit einem wütenden Leserbrief: „Ja, ich bin davon überzeugt, dass P.B. ein großer Maler ist, trotz dem, was ihm die heutige Avantgarde vorwerfen mag. Ich schätze Bonnard so ein, nachdem ich ihn über 50 Jahre auf seinem Weg beobachtet habe. […] Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird.“ Matisse stand auch nach Bonnards Tod entschlossen an der Seite seines Freundes. Mit seiner Prophezeiung sollte er Recht behalten.