Kunst der Moderne

Meisterwerke des Städel: Marcs „Liegender Hund im Schnee“

2007 wählten die FAZ-Leser Franz Marcs „Liegender Hund im Schnee“ zu ihrem Lieblingsbild im Städel. Überraschenderweise zog es in der Gunst der Leser sogar an dem Städelschen Exportschlager – Tischbeins Goethe-Gemälde – vorbei. Schon allein deshalb darf das um 1911 entstandene Hundebild in unserer Jubiläumsausstellung „Dialog der Meisterwerke“ nicht fehlen. 

 

Meisterwerk des Städel: Franz Marc (1880-1916); Liegender Hund im Schnee, 1910/1911; Öl auf Leinwand, 62,5 x 105 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V.; Foto: Städel Museum - ARTOTHEK

Meisterwerk des Städel: Franz Marc (1880-1916); Liegender Hund im Schnee, 1910/1911; Öl auf Leinwand, 62,5 x 105 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Verein e.V.; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

 

 

„Menschen lieben Bilder, Menschen lieben Tiere. Tierbildern ist die Zuneigung ihrer Betrachter daher immer sicher“, lautete die etwas salopp formulierte Begründung in dem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um die Beliebtheit von Franz Marcs (1880–1916) Gemälde zu erklären. Es mag stimmen, dass Tierbilder einen hohen Grad an Konsensfähigkeit besitzen, was genussvolle Kunstbetrachtung anbelangt. Doch an Marcs „Liegendem Hund im Schnee“ lässt sich auch die abwechslungsreiche – von gelungenen Ankäufen und zum Teil auch schmerzhaften Verlusten geprägte – Sammlungsgeschichte des Städel nachvollziehen: Für uns also umso mehr ein Grund, dieses Meisterwerk in der Reihe „Meisterwerke des Städel“ im Jubiläumsjahr genauer vorzustellen.

 

Tiere und Abstraktion
Franz Marcs Tierbildnisse gewähren einen Einblick in sein Verständnis von Kunst im Verhältnis zur Natur. Als Dialogpartner ist unserem schlafenden Hund das Bildnis eines Tigers aus dem Jahr 1912 zur Seite gehängt. Der Vergleich der beiden Werke, die gerade mal ein Jahr auseinanderliegen, zeigt uns auch exemplarisch, wie Marc seine Formensprache immer weiter abstrahierte. Beim früheren Bild des Hundes sind Figur und Grund noch eindeutig identifizierbar und voneinander zu unterscheiden. Wir können die schneebedeckte Fläche ausmachen, auf der der Hund liegt. Im Hintergrund sehen wir den unteren Teil einer Baumreihe. Bei dem friedlich ruhenden Tier handelt es sich übrigens um Franz Marcs sibirischen Schäferhund Russi, den er schon seit 1908 regelmäßig malte und zeichnete.
Der aus dem Münchener Lenbachhaus geliehene Tiger befindet sich in einer ähnlich eingerollten Pose wie der Hund. Sein Körper ist allerdings in wesentlich kantigeren Formen ausgestaltet. Die abstrakten Linien finden sich im Bildhintergrund wieder, sodass man nicht mehr eindeutig sagen kann, wo der Tierkörper aufhört und der Bildhintergrund anfängt. Figur und Grund als auch organisches und anorganisches Material scheinen sich gegenseitig zu durchdringen. In den Jahren zwischen 1910 und 1914 entstand ein Großteil der expressionistischen Tiergemälde, für die Marc auch heute noch am bekanntesten ist. Wer denkt beim Namen Franz Marc nicht automatisch an blaue Pferde?

 

Im Dialog: die zwei Tierbildnisse in der Jubiläumsausstellung. Foto: Städel Museum

Im Dialog: die zwei Tierbildnisse in der Jubiläumsausstellung. Foto: Städel Museum

 

Tiere und Natur
Unser Hund und sein Münchener Dialogpartner „Der Tiger“ stehen exemplarisch für Marcs Wertschätzung des instinktsicheren Lebens. In seiner Vorstellung sind Tier und Mensch letztlich nur ein Teil in der unendlichen Kette des Lebens, an deren Ende das Geistige steht, das alles Weltliche in sich vereint. So sehr wie Marc die reine Wissenschaft als Werkzeug zur sukzessiven geistigen Erschließung der Welt pries, so sehr lehnte er die angewandte Wissenschaft, die Technisierung der Gesellschaft ab. Nach Marc tausche der Mensch mit jedem technischen Fortschritt eine alte intuitive Fähigkeit ein. In diesem Sinne steht das Tier bei Franz Marc für die Harmonie mit der Natur und dient als Symbol „ursprünglicher“ Reinheit.

 

Detailausschnitt des „Liegenden Hundes“: Das Tier steht bei Franz Marc für die Harmonie mit der Natur und dient als Symbol „ursprünglicher“ Reinheit.

 

Der lange Weg des liegenden Hundes
Unter der Direktion von Georg Swarzenski (1876–1957) konnte das Städel Museum 1917, drei Jahre nach Marcs frühem Tod als Kriegsfreiwilliger an der Front in Frankreich, „Liegender Hund im Schnee“ von der Witwe Maria Marc erwerben. Swarzenski verfolgte eine proaktive Ankaufspolitik für das Städel. So konzentrierte er sich auf die Erwerbung der Kunst des späten 19. Jahrhunderts und kaufte auch einige zeitgenössische Werke, wie dieses Gemälde Marcs sowie Werke von Max Beckmann (1884–1950) oder Willi Baumeister (1889–1955). Das im April 1933 erlassene Berufsbeamtengesetz der Nationalsozialisten wurde Swarzenski, der jüdischer Herkunft war, zum Verhängnis: 1933 musste der Kunsthistoriker alle seine städtischen Posten räumen und schließlich 1937 auch die Leitung des Städelschen Kunstinstituts abgeben. 1938 emigrierte er in die Vereinigten Staaten.
Im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“, die zum Ziel hatte, die vom Regime verfemte Kunst aus öffentlichen Sammlungen zu entfernen, beschlagnahmten die Nationalsozialisten das Hundebildnis und zahlreiche weitere unter Swarzenski erworbene Gemälde, Grafiken und Skulpturen. Nach einer Zwischenlagerung im Depot Niederschönhausen, wo man alle im Städel Museum sichergestellten Werke aufbewahrte, wurde das Bild neben anderen Spitzenwerken der Moderne aus führenden deutschen Museen auf der berüchtigten Auktion der Galerie von Theodor Fischer in Luzern zur Devisenbeschaffung versteigert.

22 Jahre später – 1961 – gelang es dem Städelschen Museumsverein, das Werk aus einer amerikanischen Privatsammlung zurück zu erwerben. Dank des Engagements des Museumsvereins, der das Haus bereits seit seiner Gründung 1899 sowohl finanziell als auch ideell unterstützt, fand Franz Marcs „Liegender Hund im Schnee“ seinen Weg zurück nach Frankfurt.

 

Der Frankfurter Publikumsliebling sowie sein Münchener Dialogpartner „Der Tiger“ sind noch bis zum 24. Januar 2016 gemeinsam in der Ausstellung „Dialog der Meisterwerke. Hoher Besuch zum Jubiläum“ im Städel zu sehen.

 

Die Autorin Julia Kretzschmann ist studentische Aushilfe in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Städel. Die wechselvolle Geschichte, die dieses Werk schon erlebt hat, erstaunte sie bei der Recherche für diesen Artikel besonders.

 

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