Unser Buchtipp im Oktober: Karte und Gebiet

Unser Buchtipp im Oktober: Karte und Gebiet

Der Irrsinn des modernen Kunstmarktes

Das Buch beginnt mitten im Leben der Hauptfigur: Jed Martin arbeitet an einem Werk der Porträtreihe „Serie der einfachen Berufe“ mit dem Titel „Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” – doch ohne Erfolg, er zerstört es. Houellebecq nimmt den Leser gleich zu Beginn mit in den Alltag des Künstlers und erzählt auch von den Schattenseiten eines kreativen Berufes, von Selbstzweifeln und Ängsten.

Martin bereitet gerade eine große Einzelausstellung vor, durch die er zum bestbezahlten Maler Frankreichs werden wird – für sein letztes Bild bekommt er von einem indischen Handyunternehmer zwölf Millionen Euro. Houellebecq beschreibt in seinem Roman über einen fiktiven Künstler den Irrsinn eines Kunstmarktes, der vom Finanzkapitalismus ein- und übernommen wurde, sowie die modernen Vermarktungsgesetze und die Rolle des Künstlers im Medienkapitalismus anschaulich, plastisch und kritisch.

Der Durchbruch in der Kunstszene

Über Rückblenden führt Houellebecq immer wieder in die Vorgeschichte des Protagonisten ein und lässt den Leser dessen eigenwilligen Charakter so besser kennen lernen: Noch ist er ein unbekannter, armer Fotograf, der in in Paris in einer kleinen, heruntergekommen Wohnung lebt. Jed Martin ist ein Eigenbrötler, der wenig Kontakt zur Außenwelt hat. Zu erstem Ruhm als Künstler gelangt Martin durch Arbeiten, die Satellitenbilder und Straßenkarten derselben Region gegenüber stellt. Nicht zuletzt durch sehr geschickte Öffentlichkeitsarbeit wird er über Nacht zum neuen Superstar der Kunstszene.

Der Erzählstil des Buches

Michel Houellebecq erzählt seinen Roman in einem nüchtern-distanzierten Tonfall, nimmt sich aber Zeit, kleine Details genau zu beschreiben, sodass vor dem inneren Auge des Lesers eine Welt entsteht. Automatisch wird auf diese Weise zu Jed Martin eine Verbindung aufgebaut, gleichzeitig bleibt doch immer eine Distanz zu dieser merkwürdigen Hauptfigur.

Der Reiz des Romans liegt besonders darin, dass Houellebecq vom Alltag seines Protagonisten erzählt: Er erzählt von der Einsamkeit, der Sehnsucht, der Isolation, der Liebe und dem Zerfall seiner Hauptfigur – vom Leben als Künstler, fernab von Medienrummel und Vernissagen. Und selbst während der überfüllten Ausstellungen in den Galerien lässt er uns die Geschichte stets aus dem Blickwinkel des eigentlich einsamen, einzelgängerischen Künstlers erleben. Houellebecq rutscht dabei weder ins Plakative noch ins Klischeehafte ab, bewegt sich unter der Oberfläche und stellt den Lesern die wahren Gefühle seiner Hauptfigur vor.

Natürlich gibt es in diesem 400 Seiten langen Roman nicht nur Kunst zu entdecken, sondern auch noch eine Liebesgeschichte, einen Vater-Sohn-Konflikt, eine Kriminalgeschichte, so etwas ähnliches wie eine Männerfreundschaft, Mord, Tod, Utopie, Science-Fiction und und und… Kurzum: unbedingt lesenswert.

Michel Houellebecq, Karte und Gebiet
Aus dem Französischen übersetzt von Uli Wittmann
DuMont Buchverlag, Köln 2011
Gebunden mit Hardcover, 416 Seiten
ISBN 978-3-8321-9639-4
22,99 Euro
Erhältlich im Städel Museumsshop