Provenienzforscherin Iris Schmeisser vor der Büste von Museumsstifter Johann Friedrich Städel. Foto: Städel Museum

Die Herkunft erforschen

Der Begriff Provenienz leitet sich vom lateinischen Verb “provenire” – auf Deutsch “herkommen” – ab. In der Provenienzforschung geht es entsprechend darum, die Herkunft von Kunst- und Kulturgütern möglichst lückenlos nachzuweisen und zu dokumentieren. Seit 1998 hat diese wissenschaftliche Arbeit  enorm an Bedeutung gewonnen. In dem Jahr unterzeichnete Deutschland neben 43 anderen Staaten die sogenannte „Washingtoner Erklärung“. Darin vereinbarten die Unterzeichnerstaaten, während der NS-Zeit beschlagnahmte und in der Folge nicht zurückerstattete Kunstwerke zu identifizieren und Schritte zu unternehmen, um eine faire und gerechte Lösung zu finden. Umgesetzt werden sollte dies in der Praxis unter anderem mit der Einrichtung eigener Forschungsstellen an Museen. Das Städel Museum engagierte sich schon früh auf dem Gebiet der Provenienzforschung und kann in Deutschland sicherlich als Vorreiter bezeichnet werden. Seit 2002 betreibt das Haus kontinuierliche und akribische Recherchearbeit und bemüht sich darum, die Herkunft der nach 1932 erworbenen und vor 1946 entstandenen Kunstwerke zu erschließen.

Darüber hinaus hat die Administration und Direktion des Städel 2008 in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ (FU Berlin / Universität Hamburg) unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Fleckner ein Vorhaben initiiert, das den widerspruchsvollen Weg des Städelschen Kunstinstituts durch die Jahre des nationalsozialistischen Regimes nachzeichnete. Die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung wurden in einem Symposium und schließlich 2010 in der umfassenden Publikation „Museum im Widerspruch“ im Akademie-Verlag Berlin veröffentlicht.

Wie ein kleinteiliges Puzzle: Die Rekonstruktion der Provenienz eines Werkes muss nach und nach zusammengesetzt werden. Foto: Städel Museum

Systematische Recherche  der Bestände

Iris Schmeisser arbeitet seit 2014 als Provenienzforscherin im Städel.  Bei jedem einzelnen Werk steht die Frage der Herkunft auf dem ethischen  und juristischen Prüfstand. Im Hinblick auf die NS-Zeit müssen die Umstände möglicher Besitzerwechsel genau überprüft werden. NS-Verfolgte mussten oft aus sozialer Not ihre Kunstsammlung veräußern, etwa um eine Flucht ins Exil zu finanzieren. Nicht selten verkauften die Opfer von Verfolgung und Diskriminierung ihre Besitztümer weit unter Wert. Stößt die Provenienzforscherin auf solche Fälle, dann geht es darum, eine faire und gerechte Lösung auszuarbeiten. Dafür müssen aber zunächst die rechtmäßigen Eigentümern ermittelt werden. Dies ist in vielfacher Hinsicht keine leichte Aufgabe, weiß Iris Schmeisser zu berichten. Manchmal ist die Quellenlage aus unterschiedlichen Gründen nicht eindeutig. Manche Akten wurden im Krieg zerstört, sodass sich die Spur nicht weiter verfolgen lässt. Andere Dokumente befinden sich in privaten Unterlagen, in die man nicht ohne Weiteres Einsicht erhält. Was die Recherche für Schmeisser allerdings besonders herausfordernd und gleichzeitig besonders wichtig macht, ist die Aufarbeitung des Schickals der oftmals in Vergessenheit geratenen jüdischen Vorbesitzer.

Bisher konnten aufgrund der Forschungsarbeit am Städel vierzehn  als Raubkunst identifizierte Objekte an die rechtmäßigen Eigentümer restituiert werden. Einen Teil der Werke gab das Städel an die Besitzer zurück, andere Werke kaufte das Museum im Einverständnis mit den Erben  zurück.

Weiterhin ein unabdingbarer Faktor: die direkte Recherche vor Ort. Foto: Städel Museum

Wie ein kleinteiliges Puzzle

Oftmals gleicht die Rekonstruktion der Provenienz eines Werkes einem kleinteiligen Puzzle, das nach und nach zusammengesetzt werden muss. Im Idealfall stößt Schmeisser bei ihrer Recherche in Archiven und Datenbanken auf sogenannte direkte  Dokumentation. Das können Kaufbelege oder Verträge sein, die einen Besitzerwechsel eindeutig belegen. Nicht selten muss die Forscherin jedoch mit Quellen arbeiten, die nicht aus erster Hand stammen. Hierbei handelt es sich etwa um schriftliche Aussagen oder Briefwechsel, die von Dritten verfasst wurden. Diese müssen auf ihre Zuverlässigkeit und Deckungsgleichheit mit anderen Quellen hin ausgewertet werden. Die schrittweise Digitalisierung von Archiven erleichtert Schmeissers Arbeit dabei ungemein.  Trotzdem ist die direkte Recherche vor Ort weiterhin ein unabdingbarer Faktor. Besonders spannend findet Iris Schmeisser an ihrer Arbeit, dass die Werke die Forschungsmethode und Quellen vorgeben, die in ganz unterschiedlichen Archiven verstreut sein können — je nach Objekt und dessen Biografie.

Provenienzforscher vernetzen sich

Parallel zum Mammutprojekt, die Provenienz des nach 1932 erworbenen Städel Bestandes zu erforschen, gehört es zu Schmeissers Aufgaben, Archivanfragen zu bearbeiten, etwa wenn sich Provenienzforscher anderer Häuser mit Besitzern  befassen, deren Werke ebenfalls in der Städelschen Sammlung vertreten sind. Durch den Austausch und die Vernetzung von Forschern hat sich die Aussicht auf möglichst lückenlose Aufklärung der Provenienzen in den letzten Jahren entscheidend verbessert. Das Städel Museum hat sich für die kleinteiligen und komplexen Recherchen mit zahlreichen Wissenschaftlern und Einrichtungen vernetzt. Die Gründung des Zentrums für Kulturgutverluste Anfang des letzten Jahres war ebenfalls ein wichtiger kulturpolitischer Schritt zur Ausweitung und Stärkung der Provenienzforschung. Seit Mai 2015 läuft ein zunächst durch die ehemalige Arbeitsstelle für Provenienzforschung und nun durch das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste gefördertes Projekt zur Erschließung der Bestände der Skulpturensammlung im Liebieghaus, für das die Provenienzforscherin Anna Heckötter gewonnen werden konnte.