Heute schon fotografiert? Martin Parr im Städel

Heute schon fotografiert? Martin Parr im Städel

Das Angebot war für mich natürlich nicht abzulehnen. Immerhin ist der britische Fotograf Parr (*1952) einer der großen Helden meiner Zunft und auch jemand, der mich persönlich in meiner eigenen Arbeit oftmals inspiriert hat.
Martin Parr ist eine Ikone der künstlerischen Fotografie. Berühmt geworden ist er mit seinen ungeschönten, oft entlarvenden Dokumentationen der britischen Alltagskultur. Internationale Aufmerksamkeit bekam er erstmals mit dem Buch “The Last Resort” aus dem Jahre 1985, auf dem Höhepunkt der Thatcher Ära zeigt er in grellen Farben die englische Arbeiterklasse an vermüllten Stränden vor verfallenden Prachtbauten.
Sein zentrales Sujet: Der Mensch. Und das ziemlich schonungslos.

Ich bin Berufsfotografin und in Sachen Porträtaufnahmen einigermaßen routiniert. Jemanden interviewt habe ich allerdings noch nie. Ich komme also zum Termin bin freudig erregt und denke irgendwie, dass das Herrn Parr auch so gehen müsste. Pustekuchen. Martin Parr scheint einen anstrengenden Tag gehabt zu haben, ist professionell freundlich, allerdings alles andere als enthusiastisch. Wir beginnen mit unserem kurzen Gespräch:

Was führt Sie nach Frankfurt und ins Städel?

Ich bin zurzeit in Frankfurt als Kurator einer Magnum Ausstellung in den Räumen der Boston Consulting Group, zu der mich die Fotoagentur Magnum eingeladen hat. Bei dieser Gelegenheit wollte ich mir natürlich das Städel anschauen. Ich bin recht begeistert von der Art und Weise, wie hier unter einem Dach Malerei und Fotografie gemeinsam ausgestellt werden. Eine wie ich finde sehr gute kuratorische Strategie, diese Medien zu mixen. Sehr inspirierend für mich.

Sind Sie oft in Deutschland?

Insgesamt reise und arbeite ich nicht nur als Fotograf sondern auch sehr viel als Kurator. Neben der Frankfurter Ausstellung arbeite ich gerade an einem Projekt für das Sprengel Museum in Hannover – hier wird es um das Verhältnis zwischen Großbritannien und Deutschland gehen. Außerdem kuratiere ich derzeit die Ausstellung „The Protest Photobook“ für die Paris Photo im Grand Palais in Paris.

Mit welcher Kamera, welcher Technik arbeiten Sie? Digital oder Analog?

Inzwischen arbeite ich nur noch digital. Für mich war die Umstellung eine Bereicherung. Natürlich gibt es inzwischen generell eine größere Masse an Bildern, aber die Qualität zu erreichen, ist genauso schwierig wie früher. Zurzeit fotografiere ich mit der Canon 5 D Mark III.

Oh, Martin Parr nutzt die gleiche Kamera, mit der ich auch arbeite. Ich frage mich, warum mich das so beunruhigt…

Heute schon fotografiert?

Nein. Tatsächlich habe ich gerade auf der Frankfurt-Reise überhaupt keine Kamera dabei. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich wirklich. Aber fotografieren oder knipsen so nebenbei kommt für mich nicht in Frage. Natürlich verstreichen dadurch hin und wieder zufällige und bemerkenswerte Gelegenheiten und Chancen, aber das ist kein Problem für mich. Das bringt das Leben mit sich.

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Dann beginnt unser 5 Minuten Shooting. Eigentlich meine Stärke, zumindest gemessen an einem Spontaninterview auf Englisch. Zeit für einen Locationcheck blieb jedoch keine und eingepackt waren lediglich zwei Handblitze, mit denen ich entfesselt blitzen kann. Entsprechend nervös werde ich, als ich erfahre, dass man in den Ausstellungsräumen keinen Blitz benutzen darf.

Verabredet war: ich fotografiere ihn, er fotografiert mich.
Um Zeit zu gewinnen sage ich: „Bitte. Herr Parr, beginnen Sie doch mit dem fotografieren.“ Er begreift sofort und grinst breit. „Nein, nein, Sie sind die Fotografin“, er lässt der Dame den Vortritt.

Im Vorbeigehen und in letzter Minute fällt mein Blick auf die Garderobenschließfächer. Das ist es. Der Raum ist zwar klein, aber schräg genug für ein schnelles Foto. Und: man darf blitzen. Parr ist sofort begeistert. Thank God! Ich verstecke die kleinen Blitze in den halb geöffneten Schließfächern und fertig ist ein besonderes Licht. Ich komme mir vor wie ein Schüler, der vor seinem Meister bestehen will. Immerhin: als er an der Reihe mit fotografieren ist, fragt er ob er mein Licht so benutzen darf. Jetzt grinse ich: No way! Beeile mich dann aber schnell nachzulegen: Just joking!
Mister Parr ist ein gutes Fotomodel. Weil er keine Angst vor der Kamera hat.

"Verabredet war: ich fotografiere ihn, er fotografiert mich" - Fotografin Katrin Binner

“Verabredet war: ich fotografiere ihn, er fotografiert mich” – Fotografin Katrin Binner

Und erst recht nicht davor, wie er wohl auf den Bildern wirken wird. Und vielleicht ist das auch deshalb so, weil er aus eigener Erfahrung weiß, dass gerade das was man vor der Kamera gerne verbergen möchte, umso deutlicher zu Tage tritt.