Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

Nach dem Leben…

Zeichnungen sind nicht wie Gemälde darauf angelegt, bereits aus einiger Entfernung gut sichtbar zu sein. Ganz im Gegenteil – sie fordern, dass man sich ihnen bis auf wenige Zentimeter nähert und sich Zeit für die Betrachtung nimmt. Auch nach mehrmaligem Ansehen erschließen sich dem aufmerksamen Auge immer neue Einzelheiten. So auch in dem Werk von De Gheyn, das in der Kabinettausstellung „Niederländische Zeichnungen. Von Petrus Christus bis Rembrandt“ zu sehen ist: Äußerst präzise sind die Details wie Scheren und Antennen des Krustentieres im Vordergrund des Blattes „Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen“ (ca. 1602) wiedergegeben. Die Konturen zeichnete der Künstler mit Feder und Tinte und nutzte anschließend Pinsel und Deckfarbe, um den Krebs so wirklichkeitsnah und plastisch wie nur möglich darzustellen. Das ist es, was die Zeichnung so faszinierend macht, die beeindruckende Detailgenauigkeit, mit der der Zeichner sich der Darstellung des Tieres annimmt. Doch was brachte Jacques de Gheyn überhaupt dazu, eine Languste abzubilden? Das Blatt war mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal Teil eines Skizzenbuches. Dafür spricht, dass auch auf der Rückseite Studien zu sehen und weitere Blätter desselben Formats erhalten sind. Sein Interesse für die exakte Naturbeobachtung wurde bereits durch seinen Lehrer Hendrick Goltzius geweckt. Nach dem Umzug von Haarlem nach Leiden 1595 lebt Jacques de Gheyn damit im Brennpunkt der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Anatomie von Menschen, Tieren und Pflanzen. Neben lebenden studierte De Gheyn auch tote Tiere aus unterschiedlichen Blickwinkeln und steigerte ihre Gestalt zum Teil bis ins Groteske.

Die Languste - Detail aus: Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

Die Languste – Detail aus: Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

…und aus der Fantasie

Obwohl sich De Gheyn bei den fantastischen Szenen im Mittel- und Hintergrund des Blattes auf die Konturenzeichnung in Feder beschränkt, bieten die Darstellungen eine Vielzahl an Entdeckungsmöglichkeiten. Das Unwesen mit einem dicken Geldsack um den Hals hat statt einer Nase einen Elefantenrüssel und Stoßzähne, eine Kröte sitzt auf seiner Schulter. Auch auf dem Schild der schnaubenden, hängebrüstigen Erscheinung dahinter liegt gemütlich ein rauchender Winzling. Der hagere Mann auf der rechten Seite hält eine Schriftrolle in seinen Händen. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man die herunterhängende Hose und seinen großen Phallus. Auch die junge, nackte Hexe im Hintergrund, die gemeinsam mit einer alten Hexe einen Menschen mit Lurchschwanz in ihrer Mitte führt, verweist auf den erotischen Charakter der Szenen.

Fantastische Szene aus: Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

Fantastische Szene aus: Jacques de Gheyn II: Studienblatt mit Languste und zwei Hexendarstellungen, um 1602, Feder in Gelb- und Graubraun über einer Vorzeichnung mit Metallgriffel, die Languste in Deck- und Aquarellfarben, 18,5 x 24,5 cm, Graphische Sammlung, Städel Museum, Frankfurt.

Karel van Mander und die Quellen der künstlerischen Inspiration

Ein späterer Besitzer des Blattes hat nachträglich einen Rahmen um die drei Szenen gefügt und betont damit eine Zusammengehörigkeit, die sich dem Betrachter auf den ersten Blick nicht erschließt. Der niederländische Künstlerbiograf Karel van Mander, mit dem De Gheyn bekannt, wenn nicht sogar befreundet war, formulierte in seinem 1604 veröffentlichten Schilder-Boek („Maler-Buch“) die Quellen der künstlerischen Tätigkeit. Diese entsprieße einerseits der Anschauung der Natur, anderseits dem menschlichen Geist. Jacques de Gheyn setzt die Naturstudie des Flusskrebses mit den fantastischen Szenen der Hexen und Mischwesen nebeneinander und spielt damit möglicherweise auf die kunsttheoretischen Schriften van Manders an. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die beiden Pole tatsächlich so weit auseinander liegen. Ist nicht das Krustentier in seiner Kreatürlichkeit ebenso fantastisch wie die Dämonen und grotesken Erfindungen des Geistes?