Medardo Rosso (1858–1928); Aetas Aurea, ca. 1902; Bronze, H 60,1 cm (mit Sockel); Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Medardo Rosso (1858–1928); Aetas Aurea, ca. 1902; Bronze, H 60,1 cm (mit Sockel); Städel Museum, Frankfurt am Main;
Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Spiel mit dem Licht

Medardo Rosso – in Turin und Mailand aufgewachsen – zog 1889 nach Paris, wo er mehr als 30 Jahre seines Lebens verbrachte. Von seinen Zeitgenossen als „Bildhauer des Lichts“ bezeichnet, prägte Rosso die Entwicklung moderner Skulptur maßgeblich. Dabei versuchte er Zeit seines Lebens, die Grenzen des Mediums Skulptur auf radikale und unkonventionelle Art zu sprengen. Mit seinen vorwiegend in Gips, Wachs und Bronze gearbeiteten Werken strebte er nach der Erneuerung der Skulptur, indem er Momentaufnahmen festhielt, das Fragmentarische betonte und seine Figuren mit dem Raum und ihrer Umgebung verschmelzen ließ. In seinen oftmals selbstgegossenen Bronzen, bemalten Gipsarbeiten oder groben Wachsfiguren gestaltete Rosso vibrierende Oberflächen, die ein subtiles Spiel mit Licht und Schatten offenbaren.

Vergänglichkeit des Augenblicks

Im Laufe seines Lebens schuf Rosso ein verhältnismäßig kleines Œuvre, was die Zahl der Motive betrifft. Dabei erarbeitete er jedoch immer wieder neue Fassungen seiner Werke, die in Material und Ausarbeitung variieren. Das nun zur Sammlung des Städel gehörende Werk „Aetas Aurea“ (Goldenes Zeitalter) ist eines der berühmtesten Werke Rossos. Es zeigt den flüchtigen Augenblick einer zärtlichen Berührung zwischen Mutter und Kind und ist – wie der Titel deutlich macht – als Metapher für das „Goldene Zeitalter“ zu deuten. Der Begriff stammt aus der antiken Mythologie und bezeichnet das Ideal des friedlichen Urzustandes der Menschheit. Kurz nach der Geburt seines ersten Sohnes schuf Rosso ab 1885 mehrere Varianten der Skulptur in Gips, Wachs und Bronze. Die vom Künstler selbst gegossene Bronze von ca. 1902 besitzt eine besonders nuancenreiche Oberfläche und Patina. Mit Hilfe komplexer chemischer Verfahren und Vergoldungstechniken erreichte Rosso die bestechende Farbigkeit. Je länger man den in der Bronze verewigten Augenblick der Berührung betrachtet, desto mehr Details lassen sich im bewegten Auf und Ab von Material und Form entdecken.

Ausstellungsansicht "Kunst der Moderne“ im Städel Museum, im Vordergrund August Rodins „Eva“, 1881; Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht “Kunst der Moderne“ im Städel Museum, im Vordergrund August Rodins „Eva“, 1881; Foto: Norbert Miguletz

Dankbarkeit und Mäzenatentum

Nicht nur die fragile Form und beeindruckende Skizzenhaftigkeit des Werkes zeugen von enormer Sensibilität. Auch die Geschichte seiner Besitzer bewegt. 1905 erwarb der Großindustrielle Dr. Hermann Eissler die Skulptur „Aetas Aurea“ direkt von Medardo Rosso. Teile seiner herausragenden Kunstsammlung mit Werken so bedeutender Künstler wie Rodin, Goya oder Courbet musste die Ehefrau Eisslers während des Zweiten Weltkriegs verkaufen – er selbst war aus Wien geflüchtet. Die Rosso-Bronze konnte Eissler hingegen während der Zeit des Nationalsozialismus vor dem Verkauf schützen. 1950 schenkte er das Werk seinem Nachbarn als Dank für seine langjährige und unentgeltliche ärztliche Betreuung. Seither in Familienbesitz, wurde die Skulptur im Frühjahr 2014 zum Verkauf angeboten und konnte vom Städel Museum dank der großzügigen Spende einer dem Haus sehr verbundenen Stifterin erworben werden.

Eugène Carrière (1849–1906); Der Schlaf, 1890; Öl auf Leinwand; 66,2 x 65,8 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Eugène Carrière (1849–1906); Der Schlaf, 1890; Öl auf Leinwand; 66,2 x 65,8 cm; Städel Museum, Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum – ARTOTHEK

Rossos Bronze im Kontext der Städel Sammlung

Medardo Rossos „Aetas Aurea“ ergänzt die Sammlung der Kunst der Moderne des Städel Museums um eine zentrale Skulptur. Neben Arbeiten von Auguste Rodin, mit dem Rosso das Interesse am Unvollendeten und Fragmentarischen teilte, und Edgar Degas, der Rosso ebenfalls freundschaftlich verbunden war, lassen sich in der Sammlung enge Parallelen zu dem Symbolisten Eugène Carrière ziehen. Sein Gemälde „Der Schlaf“ gelangte 2013 als Schenkung an das Städel. Beide Künstler setzen sich verstärkt mit dem Mutter-Kind-Motiv auseinander und stehen sich in Ausdruckskraft und atmosphärischer Dichte in nichts nach. Die Neuerwerbung der Bronze „Aetas Aurea“, die seit dem vergangenen Wochenende im Städel präsentiert wird, schlägt somit eine Brücke zwischen den beiden Sammlungsschwerpunkten des Impressionismus und Symbolismus und kreiert eindrucksvolle Perspektiven in der Sammlungspräsentation der Kunst der Moderne im Städel Museum.