Das Städel Museum verwahrt einen Bestand von circa 120 Skizzenbüchern aus dem 19. Jahrhundert. Normalerweise kann sich jeder Besucher, jede Besucherin Werke in der Graphischen Sammlung vorlegen lassen. Im Fall der Skizzenbücher ist dies zurzeit jedoch nur eingeschränkt möglich, zu fragil ist ihr Zustand. Daher werden sie nun restauriert, konserviert und – für alle bald online einsehbar – digitalisiert.

Der “Op-Tisch” von Restauratorin Anna Motz

Gekräuselte Papiere, die durch Regentropfen während des Zeichnens auf aufgeschlagene Seiten entstanden sind; Abdrücke von Kordeln, die sich mit dem Verknoten zu reisefähigen Buchpaketen in die Pappdeckel gegraben haben; oder die vom griffbereiten Tragen in der Brust- oder Gesäßtasche gekrümmte Form der Bücher – es sind Gebrauchsspuren wie diese, die Skizzenbücher zu besonders intimen Zeugnissen des künstlerischen Schaffensprozesses machen. Für die Restaurierung bedeuten sie aber auch eine besondere Herausforderung. Denn all diese Spuren sollen lesbar bleiben. Daher ist der wichtigste Grundsatz, für den wir uns entschieden haben: ein minimal-invasives Vorgehen. Das heißt, in die ursprüngliche Substanz  wird so wenig wie möglich eingegriffen, Schäden werden so behoben, dass die Änderungen nachvollziehbar bleiben.

Eine Innovation waren im 19. Jahrhundert die sogenannten Memorandum Books, patentierte und durch ihre luxuriöse Ausstattung sofort ins Auge stechende Notizbücher aus England: die geprägten Ganzlederbände in auffälligem – und handlichem – Querformat waren geschmückt mit gestaltungsfrohen Vorsatzpapieren, farbigen Schnitten, Buchschließen aus glänzendem Metall, Griffelhülsen aus Leder und häufig auch an die Deckel gearbeitete Falttaschen zur Aufbewahrung kleiner Souvenirs. Sie wurden nach dem neuesten Stand der industrialisierten Technik hergestellt.

Drei Memorandum Books aus dem Bestand des Städel Museums

Ihre präparierten Papierseiten erlaubten einen besonders präzisen Abrieb von Metallstiften, die praktischerweise gleich mit den Büchern mitgeliefert wurden. Sie ließen sich so einfach wie Bleistifte verwenden. In den Memorandum Books verwischte ihr feiner Strich jedoch nicht – beim bewegten Tragen in der Mantel- oder Hosentasche ein klarer Vorteil. Er machte die Bücher im großen Zeitalter der Entdeckungsreisen zu einem begehrten Begleiter auf den mehr oder weniger komfortablen Trekking-Touren: Auch Charles Darwin führte u.a. auf seiner Galapagos-Fahrt 1831-1835 solche Memorandum Books mit sich.

Schauen wir uns drei Büchlein aus unserem Bestand an, die nicht ganz so weit gereist, aber gleichfalls opulent ausgestattet sind. Welche Fragen stellen wir uns vor einem „Eingriff“?

Skizzenbuch von Adolf Schreyer. Hinterer, mit Kamm-Marmorpapier bezogener Buchspiegel inkl. Falttasche und britischem Händleretikett. Außerdem sichtbar: Die Buchschließe rechts und die aus dem Lederbezug geformte Stifthülse unten.

Der Künstler Adolf Schreyer nutzte sein Memorandum Book für zügige notierte „Thumbnails“ seiner bei einem Kunsthändler in Kommission gegebenen Gemälde. Es sah äußerlich überraschend gut erhalten aus. Schon nach dem Aufschnappen der Buchschließe und dem ersten Lupfen des Deckels offenbarte sich jedoch: im Inneren war die vordere Verbindung zur Buchdecke, das Gelenk, gerissen, die Lagen gelockert und eine Seite komplett gelöst.

Skizzenbuch von Adlolf Schreyer im geschlossenen Zustand (links) und geöffnet mit Blick auf den ledernen Buchrücken durch den gerissenen Falz (rechts). Außerdem erkennbar: Der Rücken des Blockes ohne Spuren von Heftbünden und die wegen der gelockerten Bindung nicht mehr in Form gehaltene Lagenfolge des Buchblockes.
Skizzenbuch von Adlolf Schreyer im geschlossenen Zustand (links) und geöffnet mit Blick auf den ledernen Buchrücken durch den gerissenen Falz (rechts). Außerdem erkennbar: Der Rücken des Blockes ohne Spuren von Heftbünden und die wegen der gelockerten Bindung nicht mehr in Form gehaltene Lagenfolge des Buchblockes.

Untersicht auf das Skizzenbuch von Adolf Schreyer und dessen marmorierten Fußschnitt sowie die an den hinteren Deckel gearbeitete, lederne Stifthülse.

Der Blick auf den freiliegenden Rücken verdeutlichte, dass der Buchblock nicht, wie allgemein üblich, auf verstärkende Bünde oder Heftbänder geheftet war. Dies scheint eine für Memorandum Books typische Konstruktionsschwäche zu sein. Nach dem Prinzip des minimal-invasiven Eingriffs haben wir bei der Restaurierung an der ursprünglichen Bindetechnik nichts verändert – auch nicht „verbessert“: Schließlich wird bei der zukünftigen Nutzung niemand mehr das Buch mit nach Draußen nehmen und ohne stützende Unterlage darin zeichnen.

Mit Hilfe eines sogenannten Lagenprotokolls haben wir die lose Seite eindeutig ihrer ursprünglichen Position zugordnet. Der Bruch am Rücken wurde anschließend mit einem gefalteten und an beide

Seiten geklebten Japanpapierstreifen stabilisiert – ein Schutz, aber auch eine Sollbruchstelle: Wird die mechanische Belastung künftig zu groß, gibt die Ergänzung nach, nicht aber weitere Teile des Originals.

Den Frankfurter Maler Friedrich Metz begleiteten gleich zwei dieser Skizzenbücher auf Italienreisen.

Skizzenbuch I von Friedrich Metz. Hinterer, mit Walzendruck-Papier bezogener Buchspiegel inkl. Falttasche und Händleretikett. Außerdem sichtbar: der gebrochene Falz links, die Lücke der ausgebrochenen Buchschließe rechts und die aus dem Lederbezug geformte Stifthülse unten.

Untersicht Skizzenbuch I von Friedrich Metz; Erkennbar: fehlendes Material am Rücken links; bunt marmorierter Fußschnitt und die Stifthülse aus Leder unten.

Im ersten hielt Metz die gesehenen Landschaften wahrscheinlich mit dem mitgelieferten „Prepared Pencil“ fest. Dieser ist leider nicht erhalten. Aber der klare Strich auf dem dichten Velinpapier ist nicht verwischt und weist unterschiedliche Verfärbungen auf, wie sie typisch für gealterte Metallstiftzeichnungen sind.

Skizzenbuch I von Friedrich Metz. Einbandrückseite, -rücken und -vorderseite. Zu sehen: der Rücken des Buchblockes durch den teilweise verlorene Lederrücken hindurch; verlorene Schließe links, verbliebene Spange rechts.

Die Zeit ließ den Ledereinband verschleißen. Der Rücken ist, bis auf wenige, äußerst brüchige Reste, verloren. Die weiteren Schäden gleichen denen des ersten Bandes, zum Beispiel war auch hier die Verbindung zur Einbanddecke im Falz gebrochen.

Neben stabilisierenden Arbeiten an einzelnen Seiten mussten wir also vor allem wieder das schwache Gelenk entlasten und die Reste des Rückens sichern. Entschieden haben wir uns letztlich für eine Ergänzung des verlorenen Einbandrückens mit Restaurierleder. Die Originalfragmente konnten wir anschließend wieder darüber setzen.

Skizzenbuch II von Friedrich Metz; der erhaltene Buchblock vor der Bearbeitung. Zu sehen sind erneut keine Spuren von Bundmaterial unter den Kleberückständen auf dem Blockrücken; außerdem: bestoßene und aufgerissene Bereiche mittig am Vorderschnitt.

Skizzenbuch II von Friedrich Metz in der Untersicht erkennbar: verblasster, Blau gestupfter oder gesprenkelter Fußschnitt.

Metz‘ zweitem Begleiter fehlt heute die originale Buchdecke. Somit stellt sich die Frage: Wie könnte der Einband ausgesehen haben? In einem solchen Fall begibt man sich zunächst auf die Suche nach Spuren am Buch selbst und dann nach weiteren vergleichbaren Beispielen.

So legte die Reinigung einen ringsum in Blau gesprenkelten Buchschnitt frei. Die Reste des extra vorgeklebten Vorsatzpapiers, die sogenannten fliegenden Blätter, sind nicht marmoriert oder bedruckt, aber sie bestehen immerhin aus zart rosa durchgefärbtem Velinpapier. Sie und ein paar darauf folgende Seiten weisen Verletzungen auf, wie sie sich durch eine harte, metallische Buchschließe sehr gut erklären ließen.

Dies sind Details, die Spekulationen zulassen, jedoch zu vage für eine Nachbildung im Sinne eines Memorandum Books sind – weswegen wir die Buchdecke nicht rekonstruieren konnten oder nachbilden wollten. Stattdessen hält nun ein schlichter, aber schützender Konservierungseinband den wertvollen Inhalt zusammen.

Dies sind nur drei Beispiele für die vielfältigen, diffizilen Einzelentscheidungen, die wir bei der Bearbeitung der Bücher treffen.