Schon beim Weg über den Main zieht das Städel Museum die Blicke auf sich. Nur wer sehr genau hinschaut, erkennt Risse, Brüche und Verfärbungen – an dem Museumsbau ist die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Wie viele Gemälde im Museum früher oder später eine Restaurierung nötig haben, wird nun auch dem Museumsbau zu neuem Glanz verholfen.

Ein Palast der schönen Künste

Seit mittlerweile 140 Jahren ist das Baukunstwerk Witterung und Luftverschmutzung ausgesetzt. 1878 zog die Kunstsammlung von Johann Friedrich Städel von der Neuen Mainzer Straße in den Museumsbau am Main. Oscar Sommer, Architekturprofessor am Städelschen Kunstinstitut, hat die Fassade in Anlehnung an die Hochrenaissance entworfen. Bauschmuck, der sonst an Schlössern und Sakralbauten zu finden ist, machte aus dem Museum einen Palast der schönen Künste. Damals noch außerhalb des Frankfurter Stadtgebietes gelegen, bot der freistehende Bau einen imposanten Anblick.

Links das Städel um 1900, rechts das Städel nach 1963 mit den neuen Eckrisaliten

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Eckrisalite des Museums stark beschädigt. Beim Wiederaufbau fügte der Architekt Johannes Krahn anstelle der historistischen Formen die schlichten, geometrischen Eckbauten an. Mit dieser Kombination aus Neorenaissance und Nachkriegsarchitektur kommuniziert das Städel seit den 1950er Jahren nach außen das, was es bis heute in seinem Inneren beherbergt: ein Dialog aus Alt und Neu – von den Alten Meistern bis zur Gegenwart.

Spezialisten am Werk

Um dieses Zusammenspiel zu erhalten, wird nun gesäubert, konserviert und ergänzt. Dazu braucht es vor allem ausgewiesene Spezialisten, die sich sowohl mit den Materialien als auch mit den künstlerischen Formen bestens auskennen. Für die bildhauerischen Ergänzungen ist Jens Engelhardt verantwortlich. Er ist nicht nur ein begeisterter Museumsgänger, sondern dem Städel auch beruflich seit Langem verbunden.

Jens Engelhardt führt uns hinter die Gerüstplanen.

„Das Städel ist von innen wie von außen gleich bedeutend“, sagt Engelhardt und freut sich, Teil des Restaurierungsprojekts zu sein. „Das oberste Ziel war es, die Fassade wieder sicher zu machen“, betont er. Insbesondere hervorstehende Schmuckelemente der Fassade sind absturzgefährdet und werden nun ausgebessert oder vollständig ersetzt.

Hände, Füße, Kapitelle

Die ersten Erfolge von Engelhardt und seinen Kollegen kann man bereits auf der Westseite des Städel bewundern. Mit zwei Bildhauerkollegen hat Engelhardt hier drei Kapitelle – den oberen Abschluss der Wandpfeiler – erneuert. Die korinthischen Kapitelle an der Städel Fassade folgen einem seit der Antike bekannten, festen Formenschema mit spiralförmigen Voluten und einem reichen Blattwerk. Um so etwas neu zu schaffen, braucht es ein Auge und ein Händchen fürs Detail.

Restaurator Jens Engelhardt beim Ausbau eines alten Kapitells an der Westseite der Städel Fassade
Das Modell für ein korinthisches Kapitell und der Rohblock im Hintergrund, Foto: Jens Engelhardt
Links das neue Kapitell von Jens Engelhardt, rechts das Kapitell seines Kollegen Daniel Hörl an der Städel Fassade, Foto: Jens Engelhardt

Engelhardt hat Freie Kunst und Bildhauerei studiert, bevor er sich für den Beruf des Restaurators entschied. „Ich hatte schon immer ein Faible für Figürliches“, sagt er. Gerne erinnert er sich zurück, wie er vor einigen Jahren eine Statue am Eingang des Städel restaurierte, die den deutschen Maler Albrecht Dürer zeigt. Steinerne Hände, Köpfe und Füße fertigt Engelhardt am liebsten. Dagegen hat ihn das Kapitell für die Fassade deutlich mehr herausgefordert. Hier sind Geometrie, Symmetrie und eine systematische Vorgehensweise besonders wichtig. Durch die Fertigung eines Kapitells kann Engelhardt mit den alten Meistern seines Fachs – den Bildhauerspezialisten des 19. Jahrhunderts – in einen direkten Dialog treten. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Der Schaden kommt von oben

Schuld am derzeitigen Zustand der Fassade ist vor allem die Feuchtigkeit. Die alten Dachrinnen und Fallrohre hinter der Fassade können den immer häufiger auftretenden Starkregen nicht voll ableiten. Der tongebundene Sandstein lagert mit der Zeit dieses Wasser an, sodass die Tonschichten ihr Volumen vergrößern und bei Trocknung verringern. Dabei entstehen Risse. Dank neuer Fallrohre wird die Städel Fassade in Zukunft trocken bleiben.

Das verhüllte Städel während der Restaurierung

Eine Mitschuld am Zustand der Fassade tragen auch die Tauben, die es sich gerne an dem schönen Bau bequem machen. Die Säure in ihrem Kot greift den Sandstein an. Deshalb ist die bereits fertig renovierte Westseite des Städel nun auch mit einem feinen Netz vor den Vögeln geschützt.

Voraussichtlich 2019 wird die Städel Fassade wieder in den warmen Tönen ihres Sandsteins erstrahlen. Bis dahin ist sie bei Herrn Engelhardt und seine Kollegen in den besten Händen.