Es ist gerade einmal so groß, dass es in eine Manteltasche passt; ein unauffälliges halbledernes Büchlein mit zwei Schlaufen für einen schlanken Bleistift. Im Dezember hat Carl Morgenstern (1811–1893) das erste Mal hineingezeichnet: Stamm und Geäst einer wettergebeutelten Tanne. Jetzt packt er es ein, einen kleinen Kasten Aquarellfarben dazu, dann macht er sich in aller Herrgottsfrüh auf den Weg nach Petterweil in die Wetterau. Es ist der 16. Januar 1832. Mit dem Skizzenbuch in der Hand pirscht er durch die Felder bei Petterweil, im Windschatten einer Gruppe von Jägern, die unter kahlen Kopfweiden und entlang von Bachläufen Hasen nachstellen. Mit wenig Aquarellfarbe charakterisiert er die winterlich karge Landschaft, das Blau des Wassers und das Braun der Äcker, ein zartes Farbenspiel, das sich über die feinen Grafitlinien legt.

Carl Morgenstern, Skizzenbuchseite mit Jagdmotiven, 1832, Städel Museum, Frankfurt am Main

Noch bevor Morgenstern im selben Jahr nach München aufbricht, um bei dem erfolgreichen Landschaftsmaler Carl Rottmann zu lernen, hält er im Skizzenbuch all das fest, was sein Auge reizt: eine weitere Jagdgesellschaft bei Bonames, Bauern bei der Arbeit, Pflanzen und Bäume und so unscheinbare Motive wie eine Hausecke mit großen Steinen. Dazwischen finden sich Kopien nach Gemälden und ausformulierte Kompositionsentwürfe, in der Mitte gar eine eingeklebte Zeichnung des Künstlerkollegen Gottlieb Prestel, der sich als Pferdemaler einen respektablen Ruf erworben hatte. Auch von ihm besitzt das Städel Museum ein Skizzenbuch: ein konzentriertes Studienbuch von Pferden in Ruhe und in Bewegung aus den 1820er Jahren.

Carl Morgenstern, Skizzenbuchseite mit Baumstudie, 1832, Städel Museum, Frankfurt am Main

Die meisten der rund 120 Skizzenbücher aus dem Bestand der Graphischen Sammlung stammen aus dem Besitz deutscher Künstler des 19. Jahrhunderts, die wie Morgenstern und Prestel, wie Otto Scholderer und Hans Thoma, Jakob Becker oder Peter Burnitz in und um Frankfurt tätig waren. Etwa die Hälfte aller Skizzenbücher trägt die Handschrift der heute meist vergessenen Brüder Ludwig und Friedrich Metz. Mit einem ausgeprägten Gespür für Architektur hielten sie eine Vielzahl von Bauwerken bis ins kleinste Detail fest. Eines der Skizzenbücher Hans Thomas wiederum diente ausschließlich als Termin- und Notizkalender. Ein weiteres versammelt Zeichnungen aus frühester Kindheit, wieder ein anderes nur Märchenszenen, ähnlich dem Skizzenbuch von Otto Piderit. Adolf Schreyer verwendete eine Reihe Skizzenbücher gar als ‚liber veritatis‘, um die eigenen Gemälde bei den zuständigen Galeristen von London bis New York zu dokumentieren.

Adolf Schreyer, Doppelseite aus dem Verkaufsbuch der eigenen Gemälde an den Londoner Kunsthändler Gambert, 1863/69, Städel Museum, Frankfurt am Main

Die meisten Skizzenbücher aber waren wichtige Reisebegleiter; sie tragen entsprechende Spuren der Abnutzung, von ausgerissenen und verworfenen Seiten über zerfranste Stifthalter, Farbflecken und Knitterfalten bis hin zu gebrochenen Gelenken der Buchrücken. Sie erlauben uns, den Künstlern bei ihren Ausflügen über die Schulter zu blicken, wie Morgenstern bei der Jagd in Petterweil. Und Seite für Seite enthüllen sie etwas mehr über den Künstler: Ob sein Augenmerk wie bei den Brüdern Metz mehr auf der Architektur lag, oder wie bei Karl Wilhelm Wach auf den Kunstdenkmälern, oder wie bei Johann Wilhelm Schirmer und Emil Lugo auf der Landschaft. Ob der Künstler systematisch von vorne bis hinten das Skizzenbuch ‚durcharbeitete‘, oder es, gepackt vom plötzlich Gesehenen, irgendwo aufschlug und loszeichnete, auch wenn es über Kopf war. Ob er grundsätzlich eher spontan und rasch zeichnete, oder präzise und detailreich, ob er später einzelne Skizzen weiter ausführte, oder sie gleich im Hinblick auf ein späteres Gemälde anlegte. Ob er zwischen den Seiten Blumen preßte, Visitenkarte einlegte, oder das Skizzenbuch auch einmal zum Zeichnen einem befreundeten Malerkollegen in die Hand drückte.

Es ist ein Kosmos, der sich in den Skizzenbüchern auftut und sich im Galopp eines Blog-Beitrags allenfalls in einer Folge schnell vorbeiziehender Bilder umreißen läßt. Als Medium ist das Skizzenbuch so vielfältig wie die Menschen, die es nutzen. Darin auch liegt sein Reiz bis heute.

Viele der Skizzenbücher des Städel Museums sind derzeit selbst für die Vorlage im Studiensaal, in dem die Besucher jederzeit Kunstwerke auf Papier betrachten und erfahren können, zu fragil. Sie sollen nun wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Bis Ende 2019 werden die empfindlichen Bände restauriert und digitalisiert. Die Restauratorin Anna Motz wird an dieser Stelle von dem spannenden Prozess berichten.