Unser Buchtipp im April: "Die Straßen von gestern"

Unser Buchtipp im April: “Die Straßen von gestern”

Frankfurt gestern und heute

Der Roman spielt an Orten von Frankfurt, die es „gestern“ – also in den letzten hundert Jahren – gab und auch heute noch gibt. Der Römer, die Alte Oper, der Main (in dem man gestern noch schwamm) und die Schirn (wo man köstliche Würstchen essen konnte) – alle diese bis heute prägnanten Plätze der Stadt sind Teil des Lebens der Wertheims. Die Familie übersteht den Ersten Weltkrieg ohne größere Verluste und die Geschäfte von Familienoberhaupt Edu Wertheim, dem Onkel der Hauptfigur Lene, entwickeln sich trotz unsicherer politischer Lage, Inflation und Wirtschaftskrise gut. Als einziger in der Familie sieht er jedoch die politischen Entwicklungen klar voraus und prophezeit den Aufstieg der Nationalsozialisten.

Eine Kunstsammlung und das Städel Museum

Neben der Stadt Frankfurt ist auch die Kunst ein zentrales Element im Leben der Wertheims. So verfolgt der Leser, wie sich Edu zum Kunstliebhaber entwickelt und Werke von Nolde, Kirchner oder Matisse kauft. Letzteres Werk schenkt er dem Städel Museum, dessen stellvertretender Direktor sein Schwager Elias Süsskind wird. Elias wird nicht nur sein Berater in kunsthistorischen Fragen, sondern er bittet ihn auch immer wieder um Spenden und Zuschüsse, wenn der Ankauf eines wichtigen Werkes für die Sammlung ansteht. Die wachsende Sammlung von Edu spielt eine wichtige Rolle im Roman, auch sind zahlreiche andere Familienmitglieder sehr kunstbegeistert. Das Städel Museum ist somit immer wieder Anlaufpunkt für Ausflüge und Kunstbesuche der Familie und auch Thema des Romans. Wie der wirkliche Inspektor des Städel zu dieser Zeit Georg Swarzenski wird auch die fiktive Figur des Elias Süsskind mit der Machtergreifung Hitlers 1933 von seinem Amt ausgeschlossen. Obwohl der Roman nicht stringent wahren Begebenheiten folgt, finden sich immer wieder Anleihen an historische Ereignisse.

Immigration und Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus zwingt die Familie zur Immigration: Zürich, Palästina, Florenz, Paris, Amsterdam und New York sind die unterschiedlichen Stationen der einzelnen Familienmitglieder. Lene Wertheim geht mit ihrem zweiten Mann und ihrer Tochter über Paris nach New York, während ein Teil der Familie, darunter ihr Bruder Andreas und ihre Mutter, in Frankfurt geblieben sind und ihres drohenden Schicksals harren. Silvia Tennenbaum schildert den Tod der verbliebenen Verwandten mit schmerzlicher Genauigkeit. Es wirkt, als schreibe sie in diesem autobiografisch geprägten Roman ein Requiem für die ermordeten Familienmitglieder.

Ein Frankfurter Roman

Dieses Buch wird jeden mit Frankfurt vertrauten Leser erfreuen, ihn zugleich auch durch die geschilderten historischen Entwicklungen erschrecken und dabei ein Bild von der Stadt entwerfen, wie sie einmal war. Der Roman erzählt die Geschichte der Wertheims und ihr Leben in Frankfurt eindringlich. Gleichzeitig entwirft Tennenbaum ein Bild der Gesellschaft in der Weimarer Republik sowie im Nationalsozialismus. Die Autorin gibt auf diese Weise einen tiefen Einblick in das Leben einer jüdischen Familie des Großbürgertums und beschreibt neben den dramatischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts auch die alltäglichen Erlebnisse der Protagonisten. Dies verdeutlicht dem Leser intensiv das Schicksal des Einzelnen im Widerschein der großen einschneidenden Ereignisse. Der Roman, 1983 erstmals in Deutschland erschienen, hat vor allem an Bekanntheit gewonnen, als Silvia Tennenbaum 2012 bei der Veranstaltung „Frankfurt liest ein Buch“ zu Gast war.

Silvia Tennenbaum: Straßen von gestern
btb Verlag, 2013
Taschenbuch mit 656 Seiten
ISBN-13 978-3442746309
11,99 Euro
erhältlich im Museumsshop