Umbrischer Meister, Die Legende des Heiligen Augustinus, Predella, um 1500

Diese drei Tafeln sind sogenannte Predellentafeln: Eine Predella (auch „Altarstaffel“ genannt) besteht aus einer oder mehreren klein- und querformatigen Einzeltafel(n), die unter dem Hauptbild angeordnet ist. Da sie immer dessen gesamte Breite einnimmt, stellt die Predella eine Art Sockelzone dar. Sie kommt schon in italienischen Altarbildern des 14. Jahrhunderts vor und dient oft dazu, Geschichten zu erzählen. In unserem Fall nimmt der unbekannte, in Umbrien tätige Meister die wichtigsten Stationen aus dem Leben des Heiligen Augustinus in den Blick, die von seinem Bekenntnis zum Christentum berichten: So wird auf der ersten Tafel die Taufe des Heiligen Augustinus durch den Heiligen Ambrosius dargestellt. Die Mitteltafel zeigt mit seiner Einkleidung in ein Ordensgewand seine Entscheidung für ein geistliches Leben. In der letzten Szene sieht man schließlich den Heiligen im Streitgespräch mit seinen religiösen Gegnern, den Manichäern (den Anhängern einer spätantiken Offenbarungsreligion, die die Welt im absoluten Spannungsfeld zwischen Gut und Böse sahen).

Umbrischer Meister, Die Einkleidung des Heiligen Augustinus durch den Heiligen Ambrosius, um 1510, Mitteltafel, Städel Museum

In ihrer besonderen Gestaltung sind die drei Tafeln Paradebeispiele für zentrale Gestaltungsprinzipien der italienischen Renaissance: Sie erfüllen mit Bravour die Bedingungen, die schon der Architekt und Kunsttheoretiker Leon Battista Alberti in seinen Schriften über die Malerei an jene Künstler stellt, die die wahren Vertreter der „maniera moderna“ – eben der  Renaissance – sein wollten. Ganz im Sinne Albertis sind die Bilder wie ein Fenster aufgebaut, durch das man in einen illusionistischen Tiefenraum schaut; in erzählerischer Wiedergabe (storia), durch eine Fülle von Figuren (copia) und deren unterschiedliche Positionierung im Raum wie auch deren Körpersprache (varietas) werden die Episoden aus dem Leben des Heiligen Augustinus so lebendig wie aus dem wahren Leben erzählt. Und schließlich ist es die geradezu ins Auge springende Zentralperspektive, mit deren erster Anwendung in den 20er-Jahren des 15. Jahrhunderts die Renaissance ihren Anfang genommen hatte.

Umbrischer Meister, Der Heilige Ambrosius tauft den Heiligen Augustinus, um 1500, linke Tafel, Städel Museum

Doch wer hat die drei Predellentafeln gemalt? In der älteren kunsthistorischen Diskussion wurden Perugino, Pinturicchio oder und der junge Raffael genannt. Doch keiner von ihnen kommt tatsächlich in Frage, auch wenn die Bilder Ähnlichkeiten mit ihren Werken zeigen. Sie müssen im Umfeld von deren Werkstätten in Umbrien entstanden sein. Daher auch der „Notname“: Umbrischer Meister.

Umbrischer Meister, Der Heilige Augustinus disputiert mit dem Häretiker Fortunatus, um 1500, rechte Tafel, Städel Museum