Ohne Schublade

Unser Buchtipp im September: „Henning Ritter: Die Wiederkehr der Wunderkammer. Über Kunst und Künstler“

Wunderkammer – allein der Begriff erinnert an den Einblick in geheimnisvolle Welten und Urerlebnisse kindlichen Staunens. Es war ein langer Weg von den fast mystischen Orten frühen Sammelns bis zum öffentlichen Kunstmuseum unserer Tage. Unser Buchtipp im September gibt Gelegenheit, sich auch mit der aktuellen Sammlungspräsentation von 700 Jahren Kunst im Städel Museum noch einmal näher zu beschäftigen.

 

Unser Buchtipp im September: „Henning Ritter: Die Wiederkehr der Wunderkammer. Über Kunst und Künstler“

Unser Buchtipp im September: „Henning Ritter: Die Wiederkehr der Wunderkammer. Über Kunst und Künstler“

 

Nichts ist älter als die Zeitung von gestern, sollte man meinen. Doch nicht in diesem Fall: Mit seinem erst kürzlich posthum erschienenen Buch hinterlässt Henning Ritter, ehemaliger Ressortleiter Geisteswissenschaften der Frankfurter Allgemeine Zeitung, ein Vermächtnis, das aktueller kaum sein könnte. Aus 27 Essays, die er in den Jahren 1995 bis 2013 verfasste, hat er einen glänzenden Überblick über die Entstehung und den Wandel des Kunstmuseums zusammengestellt. Die Ablösung des buchstäblichen Sammelsuriums fürstlicher Wunderkammern durch das Kunstmuseum als öffentliche Institution mit Bildungsauftrag war im 18. Jahrhundert eine der erfolgreichsten Erfindungen europäischer Kultur- und Geistesgeschichte. Bis heute werden die Diskussionen über die Ordnung von Sammlungsbeständen und ihre Präsentation im Museum kontrovers geführt.

 

Kurzweiliger Parforceritt
Die in fünf verschiedene Kapitel zusammengeführten Essays sind ursprünglich zu ganz unterschiedlichen Anlässen erschienen. Mal handelt es sich um die Besprechung aktueller Ausstellungen, Neu- oder Wiedereröffnungen von Museen, mal um allgemeine Themen der Kunst- und Geistesgeschichte, meist prägnant illustriert am Beispiel eines Künstlers, eines künstlerischen oder epochenspezifischen Phänomens. Dabei versteht es der Autor, die großen Linien der Kunstentwicklung fast beiläufig zu veranschaulichen. So erfährt der Leser gleich zu Beginn des Buches anlässlich der Elsheimer-Ausstellung im Städel Museum 2006, wie der Künstler im Miniaturformat seiner Werke monumentale Kompositionen entwickelt, astronomische Erkenntnisse wie die Entdeckung der Milchstraße in den Sternenhimmel seiner Bilder einfügt, oder bereits den Naturbegriff der Romantik vorwegzunehmen scheint. Ob es um die Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Poesie bei Heinrich Füssli oder um  die Instrumentalisierung der Antike als moralische Identifikation im Kampf gegen das Rokoko bei Jaques Louis David geht, um Peter Paul Rubens als „Regisseur seines Könnens“ oder den „iconic turn“ in der Entwicklung der modernen Bildwissenschaft, Ritter spannt einen zuweilen schwindelerregend weiten Bogen. Der rote Faden, der die Zusammenstellung dieser unterschiedlichen Aspekte eint, ist Ritters ausgeprägtes Interesse an der Geschichte des Sammelns, Bewahrens und Ausstellens, und wie sie bis heute unsere Wahrnehmung von Kunstgegenständen beeinflusst. Seinen ebenso klugen wie kurzweiligen Parforceritt durch die Kunstgeschichte lässt er an einem besonderen Wendepunkt kulminieren: Dem Ende des alten Sammelns in der fürstlichen Kunst- und Wunderkammer, dem ungeordneten Nebeneinander von Kuriositäten aus Natur und Kunst.

 

Die Geburt des modernen Museums
“Der Traum vom Universalmuseum war ausgeträumt, als das Kunstmuseum sich durchsetzte”: Sollte die Wunderkammer eines privaten Sammlers noch die große Welt im Kleinen verkörpern, war die Entstehung des öffentlich zugänglichen Kunstmuseums die Folge ihrer Zerschlagung: Fortan wurden antiquarische, historische, natur- und kunstgeschichtliche Bestände in getrennten Institutionen präsentiert – streng geordnet nach dem Zeitpunkt und Ort ihrer Entstehung und zur „Belehrung“ der Besucher. Ritter führt vor, wie die erzieherischen Ideale der Aufklärung und die Folgen der Französischen Revolution auch das Urteil über die Sammlungsobjekte grundlegend veränderten, Kunstgegenstände plötzlich eine höhere Wertschätzung erfuhren als Münzen oder Naturalien. Auch die verschiedenen Kunstgattungen (Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen) erhielten getrennte Kabinette. Immer wieder zeigt Ritter, wie diese Revolution im Umgang mit Kunst auch die heutige Museums- und Ausstellungspraxis prägt, sei es in der Diskussion um die Berliner Museumsinsel oder die Aufgabe eines Museum für Weltkulturen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit wandert der Autor durch die Geschichte musealer Präsentationen vom 19. Jahrhundert bis heute. Er sensibilisiert den Leser für so grundlegende Debatten wie die Frage, ob Alte Meister besser auf weißen oder farbigen Wänden präsentiert werden sollen und macht die unterschiedlichen Lösungsansätze moderner Museumspräsentation durch die Rückführung auf ihre historische Entwicklung verständlich. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das gesamte Buch ohne Illustrationen auskommt und doch das tiefe Eintauchen in mannigfaltige Bilderwelten erzeugt. Fast wie in einer Wunderkammer.

 

Henning Ritter: Die Wiederkehr der Wunderkammer. Über Kunst und Künstler
Hanser Verlag Berlin 2014
Gebunden, 256 Seiten
ISBN: 978-3-446-24034-6
19,90 Euro
erhältlich im Städel Museumsshop

 

 

 

Die Autorin Chantal Eschenfelder leitet die Abteilung Bildung & Vermittlung des Städel Museums, das für sie trotz seiner geordneten Präsentation immer noch jeden Tag aufs Neue eine Wunderkammer ist.

 

 

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