Gegenwartskunst im Städel

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Fotografie im Fokus: Techniken der Fotografie (Teil 1/10)

„Ein Foto wird meistens nur angeschaut – selten schaut man in es hinein.“ Dieses Zitat des US-amerikanischen Fotografen Anselm Adams (1902–1984) stellen wir bewusst an den Beginn unserer neuen Blog-Reihe „Techniken der Fotografie“, in der wir die spannenden Entwicklungsstufen der Fotografie nachzeichnen möchten. In insgesamt zehn Teilen werden wir Euch dabei die wichtigsten Verfahren sowie deren historische Zusammenhänge anhand von Werken aus dem Bestand des Städel Museums vorstellen.

Ausstellungsansicht "Malerei in Fotografie". Foto: Norbert Miguletz

Idealer Ausgangspunkt der neuen Reihe ist die Fotografie „LM-11-07, 2011“ der “Lost Memories-Serie“ von Jörg Sasse (*1962), die derzeit in der aktuellen Ausstellung „Malerei in Fotografie. Strategien der Aneignung“ im Metzler-Foyer des Städel gezeigt wird.

Jörg Sasse, LM-11-07, 2011, C-Print, 60x90 cm, Galerie Wilma Tolksdorf, Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst & Jörg Sasse

Der Berliner Fotograf und Künstler baut seine Werke auf schon vorhandenen Amateuraufnahmen oder der eigenen Sammlung von fotografischen „Skizzen“ entnommenen Motiven auf. In unserem Fall ist die Substanz eines dieser „Ready Mades“ mechanisch stark angegriffen und teilweise mikrobiell zersetzt. Obwohl das eigentliche Foto als festgehaltene Erinnerung vielleicht vom Eigentümer verworfen wurde, ist durch diesen eigentlichen Schaden eine eigene, von der ursprünglichen Intention unabhängige Bildästhetik entstanden. Diese wurde von Sasse aufgegriffen, der das Bild eingescannt und digital bearbeitet hat.

Der Ausdruck des bearbeiteten Bildes erfolgt als Farbfoto, oder, angepasst an neuere technische Möglichkeiten, als lichtstabilerer Pigmentprint. Im sogenannten Diasec®-Verfahren wird das Foto bildseitig mit einer Acrylglasplatte verbunden und auf einen stabilen Rückseitenschutz gebracht.

Das Verfahren ermöglicht eine längere Haltbarkeit der fotografischen Oberfläche gegenüber Umwelteinflüssen wie Wärme, Licht und Staub. Außerdem verringert es die mechanische Anfälligkeit, die ein unverstärkter Papierbogen aufweisen würde. Jedoch muss auch die empfindliche Oberfläche der Acrylverglasung vor Bereibungen und Kratzern geschützt werden, da sie nun Teil des Originals ist. Durch das luftdichte Face-Mounting, also das Aufkaschieren des Acrylglases mit Hilfe eines silikonbasierten Klebers, wirkt das fertige Bild umso imposanter und tiefer. Die Farben erscheinen intensiver, da Lufträume zwischen Acrylglas und Fotografie, die eine zusätzliche Lichtstreuung verursachen würden, ausgeschlossen sind.

Jörg Sasse, LM-11-07, 2011, C-Print, Detail

Bei der Betrachtung von „LM-11-07, 2011“ überwältigt zunächst einmal das Zusammenspiel der auf eine Auswahl aus Violett, Ocker und Grün begrenzten aber nichts desto weniger „leuchtenden“ Farbpalette. Auf den zweiten Blick lässt sich die Ansicht eines Schweizer Blockhauses als ursprüngliches Bildmotiv erahnen. Es lugt hervor unter den scheinbaren Fissuren, Verzerrungen und den achat-ähnlichen Zeichnungen der wie ein Firnis wirkenden „Oberfläche“, die ja auch nur das digital bearbeitete Abbild der ursprünglichen Oberfläche ist.

Sasses Bild erscheint so wie eine Art Brücke zwischen alt und neu, analog und digital, ideell und materiell. Den darin enthaltenen langen Weg der Entwicklung der Fotografie – von anfänglichen fotografischen Mitteln zum „Einfangen“ der Lichtbilder bis hin zu den vielfältigen und vielfach zugänglichen Techniken der Gegenwart – möchten wir in unserer kommenden Blog-Serie nachzeichnen. Im zweiten Teil der Reihe werden wir Euch mit der Camera Obscura einen der wichtigsten Vorläufer der Fotografie vorstellen.

 Techniken der Fotografie: Die Camera obscura, Teil 2

2 Kommentare zu Fotografie im Fokus: Techniken der Fotografie (Teil 1/10)

  1. Danke für die interessanten Erläuterungen zur Produktion des Bilds.Stutzig werde ich hier: “Auf den zweiten Blick lässt sich die Ansicht eines Schweizer Blockhauses als ursprüngliches Bildmotiv erahnen.” Ich meine, das sieht man auf den ersten Blick relativ deutlich ;) Ansonsten fällt natürlich auf die Spannung zwischen Idylle, Erinnerungsbild und den Zerstörungen daran, buchstäblich in “neuerer Zeit”. Das Bild ist ja zum einen von einer Patina der Entfärbung oder Umfärbung überdeckt, und darüber gibt es dann neuere Spuren, die das Bild weiter zersetzen, teilweise wirkt es sogar wie zerschossen. Und ganz oben bleicht das Bild schon ganz aus, so wie um die “Einschusslöcher” auch, als wäre da schon die Zukunft sichtbar, das engültige Verschwinden des Bilds bzw. der Erinnerung. Also eine wunderschöne Art, mit der Zeit _im Bild selbst_ umzugehen. Tolles, kontemplativ reichhaltiges Bild, weil man sich ja gleichzeitig auch einfach in die vielen kleinen visuellen Ereignisse vertiefen kann!

    • Lieber Fritz Iversen, wir freuen uns, über deine Anregungen zu Jörg Sasses Arbeit, die sicher sehr viele Aspekte beinhaltet. Die Blogreihe geht bald weiter – wir hoffen, du bist weiterhin dabei.

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