Kunst der Moderne

Vom Mainufer an die Seine – Die „Schwarze Romantik“ reist nach Paris

In unserer überaus erfolgreichen Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“, die am 20. Januar ihre Pforten schloss, befanden sich sechs Leihgaben aus dem Pariser Musée d‘Orsay. Wenn Bonnard, Redon und Co. nun wieder die Heimreise nach Paris antreten, kehren sie in große Gesellschaft zurück. Denn die „Schwarze Romantik“ schlägt dort ab dem 5. März ihre zweite Station auf. Die düsteren Werke, die bis dahin in Frankfurt bestaunt werden konnten, werden dann dem Publikum des Musée d’Orsay das Fürchten lehren. Côme Fabre, der die Ausstellung in Paris gemeinsam mit Felix Krämer kuratiert, war zu Besuch im Städel und berichtet, wie sich die Schau aus „Francfort-sur-le-Main“ in der französischen Hauptstadt präsentieren wird.

Kunst auf 16.000 Quadratmetern: Die heiligen Hallen des Musée d’Orsay in Paris. Foto: Simona Hurst

Das kommende Pariser Frühjahr beginnt also schwarz. Während im Tuileriengarten allmählich die ersten grünen Triebe in den Startlöchern stehen, gastieren am gegenüberliegenden Seine-Ufer nicht die Boten des Lenz’, sondern die des Satans und seiner Getreuen. Das Musée d’Orsay, Mutterhaus der Kunst des 19. Jahrhunderts, das wie kein zweites für seine farbenreichen Impressionisten steht, öffnet seine Tore für die dunklen und abgründigen Seelenlandschaften der Romantiker.

Eine europäische Affäre
„Eigentlich stellen wir in unserem Haus fast keine Romantik aus“, erzählt Côme Fabre, Konservator für Malerei im Musée d’Orsay. „Unsere Sammlung umfasst die Zeit zwischen 1848 und 1914 und hat die Hauptphase der Romantik damit bereits passiert.“ Weshalb das Museum die Frankfurter Ausstellung trotzdem in seinen Räumen zeigen möchte, erklärt er durch deren offene Konzeption: „Das Romantische als wiederkehrende Geisteshaltung zu präsentieren, die sich auch in den symbolistischen und surrealistischen Strömungen fortsetzt, war ein Vorhaben, das uns hat aufhorchen lassen.“ Das kuratorische Konzept von Städel-Kustos Dr. Felix Krämer hat in Paris begeistert. Die Ausstellung präsentiert die Kunst der Romantik letztlich nicht als „deutsche Affäre“ sondern als Bewegung, die ganz Europa erfasste. In dem großen Museum an der Seine, das jährlich rund drei Millionen Besucher aus aller Welt in seine Hallen lockt, pflegt man den europäischen Gedanken seit seiner Gründung im Jahr 1986. Hinter den Mauern des ehemaligen Bahnhofsgebäudes finden sich insbesondere Meisterwerke großer Franzosen, aber die europäische Künstlerriege zeigt eben auch Präsenz.

Kehrt zurück ins Musée d'Orsay: Julien Adolphe Duvocelle (1873–1961), Totenschädel mit hervortretenden Augen, um 1904, Bleistift und Kohle auf Papier, 36 x 25 cm, Musée d’Orsay, Paris

Zeigen, was man hat: Symbolismus erhält größeres Gewicht
Wer im Frühling eine Reise nach Paris plant, sollte dort die „Schwarze Romantik“ selbst dann nicht verpassen, wenn er sie bereits im Städel Museum gesehen hat. Denn, soviel können Krämer und Fabre bereits sagen, es wird ein paar Veränderungen geben. Die Kuratoren werden auf weitere Werke aus der Sammlung des Musée d’Orsay zurückgreifen und damit ein größeres Gewicht auf den Symbolismus legen. Außerdem erhält die Ausstellung einen Zusatztitel: „Wir haben den Titel L’ange du bizarre gewählt, um der Akzentverschiebung in Richtung Symbolismus Rechnung zu tragen“, erklärt Fabre. „Der Engel des Wunderlichen“, so die deutsche Übersetzung, ist eine symbolistische Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe. Damit wird deutlich, dass sowohl die Ursprünge der Romantik als auch des Symbolismus in der Literatur fußen. Aber der Titel mit seinem Gegensatzpaar „Engel“ und „bizarr“ hat noch eine weitere Funktion:  Da im Unterschied zu Deutschland die Romantik in Frankreich einen genuin dunklen Einschlag hat, erscheint das bei uns so gegensätzlich anmutende Wortpaar „schwarz“ und „Romantik“ für unsere Nachbarn nicht ungewöhnlich. Während die Kunstströmung hierzulande gemeinhin mit Begriffen wie Sehnsucht, Fernweh und romantischer Unvernunft verbunden ist, gehören jenseits des Rheins immer schon Mord, Wollust und dunkle Leidenschaft zu ihrem Vokabular. Was dem Deutschen Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“, ist dem Franzosen Géricaults „Floß der Medusa“, frommen „Herzensergießungen“ eines Wilhelm Heinrich Wackenroder stehen pornographische Fantasien eines Marquis de Sade gegenüber. „Aber einen Caspar David Friedrich derart ‚eingeschwärzt‘ zu sehen, ist auch hier in Paris neu“, bekennt Co-Kurator Fabre.

Fruchtbare Zusammenarbeit
In Paris freut man sich bereits auf die Schau: „Unser Direktor Guy Cogeval hat eine große Vorliebe für Ausstellungen, die unterschiedliche künstlerische Ausdrucksweisen einander gegenüberstellen. Dazu gehört insbesondere das Medium Film, das in der Ausstellung einen prominenten Platz einnimmt.“ Zwischen dem Städel Museum und dem Musée d’Orsay, die beide über herausragende Sammlungen verfügen, besteht seit vielen Jahren ein reger Austausch. Felix Krämer ist die Freude über das Projekt deutlich anzusehen, wenn er von der kommenden Ausstellung in Paris berichtet: „Als Sammlungsleiter der Kunst der Moderne eine Ausstellung im Musée d’Orsay kuratieren zu dürfen, ist natürlich etwas ganz Besonderes. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, an dem die Ikonen des 19. Jahrhunderts so umfangreich präsentiert werden. Es ist eine große Ehre für mich, diese Ausstellung weitergeben zu dürfen und die Schau vor Ort darüber hinaus mit weiteren Akzenten zu füllen.“ Mit dieser Kooperation – so viel steht fest – kommt die fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Häuser zu einem vorläufigen Höhepunkt.

 

Die Autorin Simona Hurst mag Städte mit großen Flüssen, besonders dann, wenn Museen deren Ufer säumen. Als Praktikantin sowohl im Musée d’Orsay wie auch im Städel Museum konnte sie dies genießen. Ihre Zuneigung zur Stadt an der Seine manifestierte sich nicht zuletzt durch ihr Studium an der École du Louvre, an der sie ihr Museologie-Diplom erwarb.

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