Georg Swarzenski, der visionäre Städel-Direktor zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1906–1938), verfügte über ein ausgezeichnetes Auge und eine glückliche Hand. Geschult war er in der Kunst des Mittelalters, zeitlebens sein bevorzugtes Forschungsgebiet, und die Sammlung des Städel Museums bereicherte er um Hauptwerke der frühen Moderne. Die Bologneser Barockmalerei gehörte gewiss nicht zu den von Swarzenski favorisierten Themen, dennoch hat sein Wirken auch hier – bislang kaum beachtete – Spuren in der Sammlung hinterlassen. Spuren, denen ich nun hundert Jahre später nachgegangen bin.

Gaetano Gandolfi, Die Heiligen Petronius und Bernardin von Siena, um 1774, Städel Museum, Frankfurt am Main

Faszination Bozzetti

1920 erwarb Swarzenski für das Städel eine kleine Ölskizze von Gaetano Gandolfi. Durch einen kürzlichen Archivfund meiner Kollegin Laura Vollmers aus der Abteilung Provenienzforschung kennen wir nun auch den Verkäufer und Vorbesitzer: kein geringerer als der berühmte Kunsthistoriker Detlev Freiherr von Hadeln, ein Forscher zur venezianischen Zeichnung und Malerei, der damals in Venedig lebte. Ölskizzen, die man im Italienischen „bozzetti“ oder „modelli“ nennt, spielten in der italienischen Malerei des 18. Jahrhunderts eine ganz zentrale Rolle, und dies obwohl sie im eigentlichen Sinne nur Zwischenstufen auf dem Weg zum Gemälde waren. Gleichwohl stellten sie den Dreh- und Angelpunkt des künstlerischen Werkprozesses dar, in dem sich Bildidee und -gestalt auf faszinierende Weise verdichten. Am Beginn dieses Prozesses standen immer Zeichnungen, in denen der Maler sich die Komposition und ihre Details, vor allem einzelne Figuren und Köpfe, erarbeitete. Gandolfi war ein Meister der Zeichnung, sei es mit Feder und Lavierung, sei es mit schwarzer, roter und weißer Kreide – der letzte große Zeichner des Barock in Bologna.

Gaetano Gandolfi, Sitzender Prophet, 1779, Metropolitan Museum of Art, New York

Die Ergebnisse dieser Experimente flossen anschließend in die Ölskizze ein: den finalen Entwurf in Öl auf Leinwand, im Format etwas größer als eine Zeichnung, aber deutlich kleiner als das auszuführende Gemälde (in unserem Falle 47,9 x 33,5 cm). Während Licht und Schatten bereits mit Schraffuren und Lavierungen in der Zeichnung erprobt werden konnten, wurde hier die Farbigkeit des Bildes definiert. Ein solcher Bozzetto war zum einen dem Auftraggeber zur Abstimmung vorzulegen, bevor dann großformatige Leinwände, teure Pigmente in erheblichem Umfang und reichlich Arbeitszeit zum Einsatz kamen. Zum anderen diente er dem Maler selbst und oft auch seinen Mitarbeitern als verbindliche Grundlage für die Ausführung des Gemäldes.

Während Gemälde teilweise oder gänzlich an die Werkstatt delegiert werden konnten, war bei der Ölskizze unbedingt die Hand des Meisters gefragt. Nicht selten ist der Bozzetto daher dem danach gefertigten Altarbild oder Fresko in Qualität und Lebendigkeit überlegen. Die Virtuosität und Verve der sichtbar belassenen, locker und pastos hingeworfenen Pinselschrift, wie sie Gandolfis Frankfurter Ölskizze auf höchstem Niveau vorführt, macht dabei den besonderen Reiz dieser Gattung aus. So wurden Bozzetti schon früh zu begehrten Sammelobjekten – als ganz unmittelbare Zeugnisse malerischer Brillanz.

Vom Depot in die Galerie

Das Städel beherbergt einen hochkarätigen Bestand an italienischer Malerei des 18. Jahrhunderts, dem ein eigener Saal mit Meisterwerken von Giovanni Battista und Giovanni Domenico Tiepolo, Canaletto, Pompeo Batoni und Alessandro Magnasco gewidmet ist. Doch die für das Verständnis dieser Epoche so fundamentale Gattung der Ölskizze suchte man hier bislang vergebens. Um jene Lücke zu schließen, führte mich der Weg diesmal nicht auf den Kunstmarkt, sondern zuallererst ins eigene Depot. Natürlich hat man als Kurator die Werke des Sammlungsbereichs im Kopf, und jedes Bild ist fein säuberlich inventarisiert und digitalisiert. Und doch ist es der neue Blick auf die scheinbar vertrauten Originale, der den entscheidenden Anstoß zu einem Projekt gibt.

Ermutigt durch die Wiederentdeckung und Restaurierung zweier herausragender Gemälde von Sassoferrato, die in den vergangenen Jahren gelungen waren, nahm ich mir also Gandolfis Ölskizze zum genaueren Studium vor. Zu Swarzenskis Zeit war sie als Neuerwerbung in der Galerie präsentiert worden, seit vielen Jahrzehnten aber fristete sie ein unbeachtetes Dasein an einer Depotwand. Ein bräunlich gewordener Firnis beeinträchtigte ihre Farbigkeit. Die darunterliegende Malschicht sah allerdings vielversprechend aus.

Die Ölskizze vor und nach der Restaurierung, Städel Museum, Frankfurt am Main

Unter Betreuung des Leiters Kunsttechnologie und Restaurierung Stephan Knobloch konnte schließlich im Winter 2020 durch eine externe Restauratorin das Projekt zur Konservierung und Reinigung des substantiell sehr gut erhaltenen Bozzettos durchgeführt werden, das die Brillanz von Gandolfis Technik und die Leuchtkraft seiner Farbpalette wieder ans Licht gebracht hat. Vor allem am Gewand des Bischofs mit seinen strahlenden Weiß-, Rot- und Gelbtönen lässt sich der Effekt eindrucksvoll ablesen. Ein für das Bild erworbener italienischer Originalrahmen des 18. Jahrhunderts bringt die Ölskizze, die nun – ganze hundert Jahre nach dem Ankauf – endlich wieder in die Galerie einziehen durfte, optimal zur Geltung.

Gaetano in bester Gesellschaft im Sammlungsbereich Alte Meister, Städel Museum, Frankfurt am Main
Der historische Bilderrahmen bringt die restaurierte Ölskizze optimal zur Geltung

Wer war Gaetano Gandolfi?

Gaetano (1734–1802) und sein Bruder Ubaldo Gandolfi stehen am Ende der großen Tradition der Barockmalerei in Bologna, die im späten 16. Jahrhundert mit den Carracci begonnen hatte. Ihr Leben ist durch den Bologneser Chronisten Marcello Oretti gut dokumentiert. 1734 in San Matteo della Decima (nördlich von Bologna) geboren, studierte Gaetano in den 1750er Jahren an der Accademia Clementina in Bologna, unter anderem bei dem Bildhauer und Anatomen Ercole Lelli. Seine Vorliebe für eine ausdrucksvolle Pinselschrift rührt wohl von einem Studienaufenthalt 1760 in Venedig her.

Gaetano Gandolfi, Selbstbildnis, um 1780–90, Pinacoteca Nazionale, Bologna

Stilisisch ist Gaetanos umfangreiches Werk nicht immer leicht von dem seines älteren Bruders Ubaldo zu unterscheiden und es umfasst bedeutende Aufträge, darunter Freskenzyklen für Bologneser Palazzi und die Ausmalung der Kuppel der Kirche Santa Maria della Vita (1776–79). Daneben schuf er auch Skulpturen, von denen die Liebieghaus Skulpturensammlung zwei herausragende Beispiele bewahrt.

Gaetano Gandolfi, Windgott, 2. H. 18. Jh., Terrakotta, Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main
Gaetano Gandolfi, Windgott, 2. H. 18. Jh., Terrakotta, Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt am Main

In den 1780er Jahren, kurz nach Entstehung der Ölskizze, wandelte sich sein Stil zunehmend in Richtung des beginnenden Klassizismus, nicht zuletzt durch eine Reise nach Paris und London (1787), wo er mit der französischen und englischen Malerei der Zeit vertraut wurde.

Das Frankfurter Bild

Der Bozzetto des Städel Museums gehört dagegen noch ganz der spätbarocken Phase Gandolfis an, und wir sind erstaunlich gut über den Kontext seiner Entstehung informiert. Er bereitet ein in italienischem Privatbesitz erhaltenes Altarbild vor, das Gaetano für eine kleine, dem Heiligen Petronius geweihte Privatkapelle in der südlich vom Zentrum Bolognas gelegenen Villa Piedimonte schuf, dem Sommersitz der Familie Giovanardi Rossi. Ausweislich einer dort erhaltenen Inschrift hatte Petronio Giovanardi Rossi diese Kapelle 1774 einrichten lassen und wohl bei der Gelegenheit auch das Altarbild in Auftrag gegeben.

Gaetano Gandolfi, Die Heiligen Petronius und Bernardin von Siena, um 1774, Privatbesitz

So erklärt sich die Ikonographie der Ölskizze, die den Namenspatron des Stifters und Titelheiligen der Kapelle zeigt: den Heiligen Petronius, Bischof von Bologna im 5. Jahrhundert. Bildbeherrschend sitzt er im Freien und trägt dabei den prachtvollen bischöflichen Ornat: die weiße, mit dem Zingulum gegürtete und unten mit Spitze gesäumte Albe, unter der der rote Schuh hervorragt; die hellgraue, mit einem Kreuz verzierte Stola, von der nur eine Hälfte sichtbar wird; darüber das Pluviale, den leuchtend roten Chormantel mit einer breiten Goldborte, der über der Brust von einer Agraffe zusammengehalten wird; schließlich auf dem Kopf die Mitra und in der Linken der Bischofsstab mit gotischem Ornament.

Mit dem sprichwörtlichen „himmelnden Blick“, den Guido Reni zum Markenzeichen der Bologneser Malerei gemacht hatte, hält Petronius Zwiesprache mit einem Engel, der sich ihm aus den Wolken zuwendet. Es hat den Anschein, als habe er gerade die Lektüre des vor ihm auf dem Boden platzierten Buches unterbrochen, um die göttliche Inspiration zu empfangen.

Gaetano Gandolfi, Die Heiligen Petronius und Bernardin von Siena (Detail), um 1774, Städel Museum, Frankfurt am Main
Gaetano Gandolfi, Die Heiligen Petronius und Bernardin von Siena (Detail), um 1774, Städel Museum, Frankfurt am Main
Ansicht von San Petronio in Bologna

Mit großer Geste weist der Bischof auf die ihm geweihte Basilika San Petronio und die Türme Garisenda und Asinelli im Hintergrund, die noch heute das Stadtbild von Bologna bestimmen. Hinter Petronius, ihm kompositorisch untergeordnet, kniet der Heilige Bernardin von Siena im braunen Gewand des Franziskanerordens. Ein in entzückender Rückenansicht gegebener Engel reicht ihm sein Attribut dar, eine Tafel mit dem Christusmonogramm IHS in der Strahlensonne. Bei einer Predigt soll ihm dieses Symbol einst erschienen sein. Die Zusammenstellung der beiden Heiligen ist ungewöhnlich und erzählerisch nicht zu begründen. Hier mag eine weitere namentliche Anspielung auf ein Mitglied der Familie Giovanardi Rossi (eine Bernardina oder einen Bernardino) die Auswahl bestimmt haben.

Links: Ölskizze aus dem Städel Museum, Frankfurt am Main
Rechts: Gaetano Gandolfi, Kopfstudie für einen Bischof, um 1770, Metropolitan Museum of Art, New York

Besonders reizvoll sind der kräftige farbliche Dreiklang der Hauptfigur aus Weiß, Rot und Gelb vor der bräunlichen Kulisse sowie die flackernden Lichtakzente auf dem Gewand, die mit kräftigen, pastosen Pinselstrichen gesetzt sind. Stilistisch, technisch und motivisch ist Gaetanos etwa gleichzeitige Ölstudie für den Kopf eines Bischofs im Metropolitan Museum in New York mit dem Frankfurter Bild eng vergleichbar. Gandolfi zelebriert hier geradezu seine malerische Virtuosität, die im schnellen Medium der Ölskizze ihren unmittelbarsten Ausdruck findet.